Es fehlen Plätze in der stationären Pflege im EN-Kreis

Gab es noch vor wenigen Jahren im Ennepe-Ruhr-Kreis ein Überangebot an stationären Pflegeplätzen, sind es jetzt viel zu wenig.

Der Anbau am Matthias-Claudius-Haus, der Altenhilfeeinrichtung in Niedersprockhövel, nimmt Formen an. Im Ennepe-Ruhr-Kreis fehlen viele Pflegeplätze aufgrund der oft noch nicht umgesetzten Maßnahme, zu achtzig Prozent Einzelzimmer anbieten zu müssen.

Laut Pflegebericht des EN-Kreises fehlen nicht nur 100 Plätze, sondern außerdem rund 350 Plätze aufgrund der noch nicht umgesetzten Einzelzimmerquote, die der Gesetzgeber seit Sommer 2018 verlangt.
„Bei uns leben achtzig Bewohner und wir haben nur 16 Einzelzimmer. Jetzt bekommen wir zwei Anbauten links und rechts des Haupteinganges. Das Bauprojekt läuft bei vollem Betrieb. Die Anzahl der Pflegeplätze werden nicht reduziert“, erzählt Andrea Flessa. Sie ist die Einrichtungsleitung im Matthias-Claudius-Haus in Niedersprockhövel und hat alle Hände voll zu tun, den Betrieb des Hauses und die Baumaßnahmen gleichzeitig zu koordinieren. Für sie ist der Wunsch nach Einzelzimmern oft eher einer der Angehörigen aus deren eigenen Perspektive. „Wenn jemand noch orientiert und mobil ist, kann ich das verstehen. Doch für manche Bewohner ist es besser, nicht allein zu leben. Ich halte die Zahl von achtzig Prozent für viel zu hoch.“ Trotzdem muss sie natürlich die gesetzlichen Vorgaben erfüllen - dazu gehört auch, dass bis zum Erfüllen der Einzelzimmerquote ein Abbau von zehn Prozent der vorhandenen Plätze gilt.
Der Platzbedarf für die stationäre Pflege bis 2030 wird höher prognostiziert als der Platzbestand tatsächlich ist: In Sprockhövel sieht es ähnlich aus: Zum 1. Januar 2016 gab es 159 Plätze – dem stand ein Bedarf von 269 Plätzen gegenüber. Für 2030 sollen 403 Plätze gebraucht werden. Das liegt zum einen an der demographischen Entwicklung, zum anderen aber auch daran, dass die Zahl der pflegenden Familienangehörigen abnimmt. Im Bundesdurchschnitt werden ca. 71 Prozent der anerkannt Pflegebedürftigen zu Hause versorgt und 29 Prozent in Heimen, im Kreis dahingegen werden 66,8 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt und 33,2 Prozent in vollstationären Pflegeeinrichtungen. Zwar wünschen sich die meisten Menschen eine Versorgung in den eigenen vier Wänden, doch nimmt die Versorgung zuhause auf Dauer ab. Grund dafür ist der Wegfall der räumlichen Nähe zwischen den Generationen, die Unvereinbarkeit zwischen Beruf und Pflege von Angehörigen sowie die Zunahme der zeitlichen Dauer der Pflegebedürftigkeit des Angehörigen, die derzeit bei rund zehn Jahren liegt. Im Pflegebericht heißt es dazu: „Inwieweit sich häusliche Pflegearrangements allerdings angesichts des demografischen Wandels und des abnehmenden familiären Pflegepotenzials für zukünftige pflegebedürftige Menschen dann tatsächlich realisieren lassen, ist derzeit nicht abzusehen. Doch auch, wenn die Versorgung in der gewohnten Umgebung nicht mehr möglich ist, ist davon auszugehen, dass künftige Generationen pflegebedürftiger Menschen dem vollstationären Versorgungsangebot eher zurückhaltend gegenüberstehen werden.“
Eine Lösung bietet der Pflegebericht allerdings nicht. Denn wenn die Senioren zuhause nicht mehr gepflegt werden können, sie aber nicht in eine stationäre Einrichtung wollen - wer oder was soll dann die Lücke schließen?
Das Matthias-Claudius-Haus bekommt mehr Einzelzimmer. Und für die Bewohner ist die Baumaßnahme auch ein Stück neues Programm in ihrem Seniorenalltag.

 


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