Ein Lesetempel feiert: 100 Jahre Stadtbibliothek Hattingen

Ein Blick in die Geschichte der Bibliothek ist auch eine Reise in die Historie von Bildungsbürgern und dem Buch auf dem Weg zum Allgemeingut für alle.

100 Jahre Stadtbibliothek: Für Stadtarchivar Thomas Weiß (links) und Bibliotheksleiter Bernd Jeucken (rechts) mit Plakaten aus unterschiedlichen Zeitepochen in den Händen ein Grund zum Feiern. Im Herbst soll es soweit sein, nachdem der ursprüngliche Termin wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde.

Die Hattinger Stadtbibliothek (Stabi) ist ein Kulturtempel – der sogenannte „dritte Ort“ neben dem Zuhause und der Arbeit. Ein Team von einem Dutzend Mitarbeitern unter der Leitung von Stabi-Chef Bernd Jeucken sorgt dafür, dass das so bleibt und sich noch weiterentwickelt. Gemeinsam mit ihm und Stadtarchivar Thomas Weiß blicken wir in die wechselvolle Geschichte der Bücher zum Ausleihen.
„In Hattingen hat sich schon der Pfarrer Hermann Merker um 1630 seine Pacht unter anderem mit Büchern oder Bibeln bezahlen lassen“, sagt Stadtarchivar Thomas Weiß. 1837 gründete Carl Hundt eine Buchbinderwerkstatt in Hattingen, gefolgt von einer eigenen Druckerei und einer Buchhandlung. „Das Thema Bücher wurde immer größer, weil Bildung und Weiterbildung für immer mehr Menschen einen Wert erhielt.“ Im November 1900 wurde in Hattingen ein Volksbibliotheksverein gegründet. Den Vorsitz hatte ein Dr. Michels, Verwalter war Hugo Overbeck. Beide Herren sowie die ersten Mitglieder gehörten zum Bildungsbürgertum und besaßen selbst viele Bücher. Ziel dieser neuen privaten Bibliothek war es, immer mehr Menschen mit Büchern vertraut zu machen und sie zum Lesen zu ermutigen. Dabei handelte es sich um eine Thekenbibliothek. Das bedeutet, die Menschen konnten nicht einfach in den Raum gehen und in den Büchern stöbern, sondern sie mussten sich in Katalogen ein Buch aussuchen und dies wurde ihnen dann übergeben. Ort des Geschehens war das Schreibwarengeschäft von Hugo Overbeck am Gelinde. Heute ist dort übrigens der Betrieb von Alfred Schulte-Stade untergebracht. 1902 gab es 185 Mitglieder, 730 Bücher und 4200 Ausleihen.
1912 beschloss der Magistratsausschuss den Umzug der Bibliothek in einen Raum im Rathaus. Zum ersten Mal tritt die Stadt in Erscheinung, die auch finanzielle Unterstützung anbietet. Bis dahin wurden neue Bücher in der Regel über Mitgliedsbeiträge und Eintritte von Veranstaltungen angeschafft. Zunächst gab es einmalige Beihilfen, ab 1918 eine jährliche Unterstützung von 150 Mark. Dafür konnte man damals etwa 150 Bücher anschaffen. Die Bibliothek war erstmals als fester Kostenpunkt in den städtischen Haushalt aufgenommen. Offensichtlich auf Wunsch des Volksbibliothek-Vereines begannen Verhandlungen mit der Stadt, die Bibliothek zu übernehmen. Diese Verhandlungen wurden am 12. April 1920 zu Ende gebracht und die Stadt war Eigentümer der Bibliothek. Die Räumlichkeiten erinnerten eher an Omas Wohnzimmer. Sie sollten atmosphärisch sein, zum Lesen einladen. Aber schon 1925 gab es erste Gespräche über Kosten und Steigerung der Nutzerfreundlichkeit. Auch Kundenwünsche galt es zunehmend zu berücksichtigen.
Dann brach mit dem Nationalsozialismus eine neue Ära an. Während das Buch auf der einen Seite als „Schwert des Geistes“ gesehen und gefördert wurde, ging es auf der anderen Seite nicht mehr um Bildung, sondern um Propaganda. Extreme Förderung und unermessliche Zensur lagen eng beieinander. 1938 zog die Bibliothek um. Ihre neue Heimat befand sich am Untermarkt und wurde um einen Lesesaal erweitert. Selbst Ahnentafeln von Größen des Nationalsozialismus gab es zum Studieren, etwa die Ahnentafeln vom Führer oder von Göring. 1945 wurden durch Bombentreffer große Teile der Bibliothek zerstört. Neu aufgebaut wurde sie ein Jahr später in der Bahnhofstraße, erst in der Hausnummer 20, dann in Nummer 31, dem heutigen Haus der Jugend. 1978 zog sie um an die den Hattingern noch bekannte Adresse der Bredenscheider Straße und wurde eine „City-Bücherei.“ Im Mai 2009 folgte der Umzug in das Reschop-Carré und die damit verbundene Flächenerweiterung von 700 auf 1600 Quadratmeter. Seit ihrem Umzug hat sich die Stadtbibliothek jährlich am bundesweiten Bibliotheksranking BIX beteiligt, um ihre Arbeit mit anderen Medienhäusern zu vergleichen. Bereits 2012 und 2013 erzielte sie mit 3,5 Sternen hervorragende Ergebnisse. 2014 konnte sie mit vier Sternen erstmals die Höchstbewertung erreichen und sich zum Landes-Champion küren lassen. Bundesweit zählt sie zu den besten sechs deutschen kommunalen Medienhäusern ihrer Größenordnung. Die Bedeutung von bürgerschaftlichem Engagement damals und heute, beispielsweise seit 16 Jahren in der Form vom Freundeskreis der Stadtbibliothek, ist nicht zu unterschätzen. Er unterstützt die Arbeit des Bibliotheksteams seit vielen Jahren und bei zahlreichen Veranstaltungen und wird sicher auch bei der Feier im Herbst seinen Beitrag leisten.

 


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