Die Stadtwerke sind heute breiter aufgestellt

Interview mit Jürgen Wille, Stadtwerke Hattingen.

Ich erinnere mich an das Jahr 2012, der neue Geschäftsführer der Stadtwerke Hattingen, Jürgen Wille, wurde auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Aber wie war der Status der Stadtwerke? Sind sie ein „Teil“ der AVU in deren Geschäftsräumen in der Augustastraße oder ein unbedeutendes Stadtwerk in nicht repräsentativen Räumen in der Gasstraße? Die Stadtwerke waren für viele einfach nicht präsent und nicht bekannt. Hier hat sich, verbunden mit dem Namen Jürgen Wille, in den letzten sechs Jahren viel verändert. Nun beendet Jürgen Wille Anfang Januar seinen Vertrag.

Image: Herr Wille, scheiden Sie aus gesundheitlichen Gründen aus?
J. Wille: Die Berichte über meine Gesundheit sind stark übertrieben, um es frei nach Mark Twain zu sagen. Unter Berücksichtigung meines Alters und meines Jobs fühle ich mich aktuell sehr gut. Aber es gibt ja auch ein Leben und Ziele nach der Arbeit. Daher habe ich Anfang Januar 2018 dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Stadtwerke Hattingen, Herrn Glaser, mein Kündigungsschreiben übergeben. Und nun freue ich mich auf ein erfülltes Leben im Ruhestand mit vielen Reisen und einigen spannenden innovativen kleineren Projekten für die Energiewirtschaft.
Image: Zurück zu meiner Anfangsthese, hat sich der Blick auf die Stadtwerke verändert?
J. Wille: Die Ausgangssituation war so. Mittlerweile werden die Stadtwerke von Bürgern und Kunden wahrgenommen. Der Aufbau einer Marke mit ihrem Produktportfolio dauert 5-10 Jahre. Wir haben heute attraktive Produkte im Wettbewerbsbereich Strom und Gas. Uns ist es gelungen, das neue Geschäftsfeld Strom aufzubauen. Der Stromvertrieb begann am 1.1.2015 nach viel kritisch konstruktiver Begleitung des Projekts durch Minderheitsgesellschafter und Wettbewerber AVU. Wir haben bereits über 2.000 Stromkunden, sind aber noch nicht am Ziel. Es müssen mehr werden.
Image: Wettbewerber und Minderheitsgesellschafter, wie muss ich das verstehen?
J. Wille: Die Energiewirtschaft hat sich stark verändert, es herrscht harter Wettbewerb. Da muss sich der Platzhirsch nun ernstzunehmenden Wettbewerbern aus den Reihen der Stadtwerke stellen, im Einzelfall nutzte der Platzhirsch das gesellschaftsrechtliche Zustimmungsrecht für Verzögerungsstrategien. Das dauerte so lange, bis der Hauptgesellschafter auf den Tisch gehauen hat, ein Machtwort gesprochen und den Minderheitsgesellschafter in die Schranken verwiesen hat. In unserem Fall standen und stehen die Stadt Hattingen und die kommunalen Aufsichtsratsmitglieder voll hinter den Stadtwerken.
Wir sind ohne vorlaufende Werbung mit 1 Kilowattstunde gestartet. Der erste Stromkunde der Stadtwerke Hattingen war ich übrigens selbst.
In der Folge haben die Stadtwerke das Stromnetz gekauft. Die AVU Netz GmbH betreibt im Rahmen eines Pachtvertrages das Netz. So wird schrittweise, wie vom Gesetzgeber gewünscht, der volle Wettbewerb zwischen ehemals eng verbundenen Unternehmen eingeführt. Die Vorbereitungen für die Übernahme des Betriebes des Stromnetzes durch die Stadtwerke Hattingen laufen bereits. Weitere Projekte sind bereits vorbereitet. Attraktive innovative Services für die Hattinger Bürger, Beschäftigungssicherung für die Mitarbeiter der Stadtwerke Hattingen und nachhaltige Erhaltung und Stärkung der Profitabilität der Stadtwerke für die Gesellschafter stehen im Mittelpunkt all dieser Projekte.
Wichtige Entscheidungsträger aus der Kommunalpolitik und Verwaltung haben auf Grund der positiven Entwicklung der Stadtwerke ein steigendes Interesse, die Anteile der AVU zu übernehmen. Ich glaube aber auch, dass die AVU mit unseren Ergebnissen mehr als zufrieden ist und die Beteiligung gerne behalten möchte.
Image: Die Abgrenzung zur AVU ist schwierig und problembehaftet?
J. Wille: Ja natürlich. Im Aufsichtsrat werden neue Produkte und neue strategische Ausrichtungen erörtert. Im Aufsichtsrat gibt es eine Treuepflicht, aber auch das Informationsrecht. Wenn ich zugleich Gesellschafter wie Wettbewerber bin, kollidieren natürlich die Interessen. Und dieses Spannungsfeld der Interessen strahlt dann natürlich auch in den Aufsichtsrat der Stadtwerke.
Image: Gab es in Ihrer Zeit als Geschäftsführer noch andere Projekte als Strom und Gas?
J. Wille: Ja, wir haben viele Projekte gestartet und auch erfolgreich abgeschlossen. Der Neubau der Zentrale an der Ruhr ist dabei richtungsweisend. Im Moment sind wir zeit- und kostenmäßig im Plan und können voraussichtlich Ende März umziehen. Aber es war ein schwieriges Unterfangen. Das Projekt wurde vor mehr als 30 Jahren von einem meiner Vorgänger „gestartet“. Nach Abschluss der Vergabeverfahren (Dez. 2017) mit einer europaweiten Ausschreibung konnte endlich der Startschuss gegeben werden. Auch unser Rechnungswesen wurde durch meinen Nachfolger, Herrn Tellmann, in den letzten fünf Jahren modernisiert und den heutigen Bedürfnissen angepasst. Im Vertrieb und Netzregulierungsmanagement (Gas) haben sich die Stadtwerke deutlich verbessert. Als Anerkennung der Leistungen für diese Geschäftsbereiche wurden Herr Drozdowski und Herr Scheiker zu Prokuristen bestellt.
Im gesamten Personalbereich hat es vielfältige Veränderungen und Entwicklungen gegeben. Als modernes Unternehmen bieten wir heute umfangreiche Fortbildungsmaßnahmen zur Bewältigung der vielfältigen Aufgaben in einer sich schnell verändernden Arbeitswelt.
Mit unserem betriebsärztlichen Dienst sind wir auch im Gesundheitsbereich vorbildlich unterwegs. Jetzt kann jeder Mitarbeiter neben den regelmäßigen Kontrolluntersuchungen einmal pro Jahr an einem Gesundheitstag mit wechselnden Schwerpunkten teilnehmen.
Image: Und dann hören Sie jetzt auf?
J. Wille: Ja, das Unternehmen ist nun gut aufgestellt. Als eine Art „Schlussstein“ werde ich auf Bitten von Herrn Glaser und Herrn Mielke noch die Leitplanken für die nächsten Jahre setzen, damit der Weg für meinen Nachfolger vorbereitet ist.
Image: Was heißt das konkret?
J. Wille: Es stehen noch einige Projekte bei den Stadtwerken an, die erst in zehn Jahren abgeschlossen werden können, wie Verlängerung und Erwerb von Konzessionen.
Das derzeit wichtigste aktuelle und innovative Projekt ist der wettbewerbliche Messstellenbetrieb – neudeutsch „smart meter“. Innerhalb der nächsten 6 Monate können wir mit neuen Produkten starten. Damit erhalten die Hattinger mehr Transparenz über ihren Stromverbrauch und über Möglichkeiten zum Stromsparen. Auch andere Dienstleistungen sind in diesem Zusammenhang in Vorbereitung. Ich bin fest davon überzeugt, dass Herr Tellmann das Projekt erfolgreich fortführt. Vorbereitet ist alles.
Auch Energiedienstleistungen auf gehobenem Niveau können wir seit diesem Jahr unseren Kunden anbieten. Mit Herrn Kuchner konnten wir einen Experten für unser Unternehmen gewinnen.
In meiner letzten Aufsichtsratssitzung am 4. Dezember werde ich noch eine an die Stadt gegebene Empfehlung im Aufsichtsrat kundtun.
Image: Worum handelt es sich dabei?
J. Wille: Die Stadt hat es in der Hand, den Stadtwerken Hattingen ein weiteres Tätigkeitsfeld zu übertragen. Aus dem Projekt erwarte ich weitere Beschäftigungssicherung, eine Stärkung des Eigenkapitals der Stadtwerke und einen zusätzlichen Ergebnisbeitrag für die Gesellschafter der Stadtwerke.
Image: Herr Wille, vielen Dank für dieses informative Gespräch. Image wünscht Ihnen für die Zukunft alles Gute. Eine letzte Frage zur Zukunft der Stadtwerke. Wie sehen Sie die Zukunft?
J. Wille: Der Aufsichtsrat hat in einem Assessmentcenter den Nachfolger für die Stadtwerke gefunden. Herr Tellmann konnte in seinen vergangenen 5 Jahren viel sehen und auch begleiten. Er ist wie auch ich Wirtschaftsprüfer und Steuerberater. Die neue Welt der Energiewirtschaft fordert von ihren Führungskräften die Entwicklung von vergangenheitsgerichteten „Historikern“ (Prüfung abgelaufener Geschäftsvorgänge) zu hellsehenden Gestaltern der Zukunft. Herr Tellmann wird in den nächsten Jahren in einem Umfeld steigender Wettbewerbsintensität und vieler Veränderungen im Markt mit neuen innovativen Produkten und Projekten die Position der Stadtwerke Hattingen im Markt ausbauen und den Nutzen für die Hattinger steigern.


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