Auf dem Weg in die zuckersüße Gesellschaft

Diabetes mellitus, die „Zuckerkrankheit”, gehört zu den großen Risiken. Nicht selten wird sie durch unseren Lebenswandel begünstigt und führt zu schweren Folgeschäden. Im EvK Witten arbeiten Diabetologen und Diabetesberater für eine Optimierung der Therapie.

Die Diabetologinnen Anke Engels und Cornelia Lang, Oberärztinnen der Klinik für Geriatrie, und Diabetesberaterin Anne Richter (stehend) analysieren eine Blutzuckerkurve.

Die Zahl der Patienten mit Zuckerkrankheit steigt. Fast acht Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Diabetes. Oft kommen gerade ältere Menschen aufgrund einer anderen Erkrankung in die Klinik - die meisten von ihnen wissen um ihren Diabetes, aber nicht alle.

Ob den Patienten ihr Diabetes bekannt ist oder sie erst bei ihrem Klinikaufenthalt davon erfahren - die Diabetologinnen Anke Engels und Cornelia Lang, Oberärztinnen der Klinik für Geriatrie, und Diabetesberaterin Anne Richter, überprüfen falls erforderlich das Blutzuckerprofil und erarbeiten für jeden Patienten eine individuelle Einstellung. „Entscheidend sind die Lebensgewohnheiten des Patienten sowie die Alltagstauglichkeit der Therapie“, erklärt Cornelia Lang. „Wir unterscheiden beim Diabetes Typ 1 und Typ 2. Während im ersten Fall ein Insulinmangel vorliegt, sprechen wir im zweiten Fall - umgangssprachlich  auch als ,Altersdiabetes‘ bezeichnet - von Insulinresistenz. Beide Typen können grundsätzlich aber in jedem Alter auftreten. Die Veranlagung zu Typ 2 ist zu einem hohen Prozentsatz vererbt.“
Der Langzeitwert HbA1c
Neben dem täglichen Messen des Blutzuckers gibt vor allem der Langzeitwert HbA1c Aufschluss über die gute oder schlechte Einstellung des Blutzuckers. „Das Hämoglobin, das von den roten Blutkörperchen transportiert wird, geht mit dem im Blut gelösten Zucker eine chemische Verbindung ein. Je stärker und je länger der Blutzuckerspiegel erhöht ist, desto mehr Hämoglobin kann sich mit Zucker verbinden und desto höher wird letztlich der HbA1c. Wir erkennen an diesem Wert die Blutzuckereinstellung der letzten acht bis zwölf Wochen“, sagt Anke Engels.
Doch was, wenn die Experten erkennen: Der Wert ist schlecht?
„Die Patienten und ihre Angehörigen werden individuell angeleitet und geschult. Der Umgang mit Medikamenten, Diabetesnotfällen, Ernährung und Sport sind wichtige Themen. Ziel ist es, dass der Patient zuhause selbstständig seine Therapie durchführen kann“, so Diabetesberaterin Anne Richter. „Grundsätzlich ist die Therapie absolut individuell. Das Stück Kuchen muss sich auch ein Diabetiker nicht verkneifen, aber das Reduzieren von Übergewicht wirkt sich positiv auf den Blutzucker aus. Menschen mit Diabetes können prinzipiell alles essen, eine spezielle Diabetes-Diät gibt es nicht. Zucker ist nicht tabu, auch spezielle Lebensmittel sind nicht nötig. Aber es gibt natürlich Empfehlungen und das Wissen, welche Ernährung nicht nur für Diabetiker sinnvoll ist.“
Die richtige Ernährung - nicht nur für Diabetiker                                                                                   
Obst und Gemüse: Fünf Portionen täglich werden empfohlen. Zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse. Eine Portion entspricht etwa einer Handvoll.
Fett: Es kommt auf die Fettzusammensetzung an. Anstatt auf gesättigte Fettsäuren, die vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Milch und Käse stecken, lieber auf ungesättigte Fette setzen. Diese sind etwa in pflanzlichen Produkten wie Olivenöl enthalten und können dazu beitragen, den Anteil an LDL-Cholesterin im Blut zu senken.
Kohlenhydrate: Getreideprodukte aus Vollkorn sind gut. Bei stärker verarbeiteten Lebensmitteln gehen die Kohlenhydrate meist rascher ins Blut über. Kartoffelbrei oder Pommes Frites haben deshalb einen höheren glykämischen Wert als Pellkartoffeln. Wasser, Tee und Kaffee sollten die Getränke der Wahl sein. Alkohol ist nur in Maßen erlaubt. Grundsätzlich gilt die mediterrane Küche mit vielen Vitamen und Ballaststoffen als besonders gut geeignet. Frischer Fisch und mageres Fleisch - optimal aus guter Herkunft - sowie Salzarmut beim Kochen sind weitere wichtige Merkmale.
Die Folgeschäden
Dr. Ulrich Weitkämper, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am EvK Witten erklärt: „Eine gute Stoffwechseleinstellung ist immer, aber insbesondere bei Diabetikern, erforderlich, um Folgeschäden möglichst zu verringern. Eine schlechte Blutzuckereinstellung begünstigt Folgeerkrankungen wie Nieren- (diabetische Nephropathie) und Nervenschäden (diabetische Polyneuropathie, diabetische Retinopathie), das diabetische Fußsyndrom sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein hoher Zuckergehalt im Blut schädigt kleine und große Blutgefäße (Mikro- und Makroangiopathie) sowie die Nerven.“ Es drohen Schlaganfälle, Herzinfarkte, Amputationen von Zehen, Füßen oder Beinen oder die Dialyse, um die fehlende Entgiftungsfunktion der Nieren auszugleichen.
Gerade bei älteren Patienten muss auch berücksichtigt werden, dass sie sich oft nicht oder nur wenig bewegen. Eine Unterzuckerung gilt es ebenso zu vermeiden, denn: „Wir wissen heute, dass Unterzuckerung gerade bei älteren Diabetespatienten das Risiko für eine Demenz ganz erheblich erhöht“, ergänzt Weitkämper.
Weiterhin ist das Risiko für Infekte bei Diabetespatienten deutlich erhöht. „Deshalb ist es sehr wichtig, sich selbst genau zu beobachten und jede Wunde von einem Arzt anschauen zu lassen. Vorsorge für die Augen und die Nieren gehören ebenso ins Pflichtprogramm.“
Um die Behandlung von Patienten mit Diabetes weiter zu optimieren, schult das EvK Witten zudem Pflegekräfte zu diabetesversierten Fachkräften. Ziel ist es , dass auf jeder Station mindestens zwei Pflegekräfte über das entsprechende Zusatzwissen verfügen. Mittelfristig strebt das Ev. Krankenhaus Witten den Erwerb des Zertifikats „Klinik für Diabetespatienten geeignet“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft an.


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