Alte Apfel- und Obstsorten bewahren

Jeder Deutsche verzehrte 2013 durchschnittlich 9,1 Kilogramm Äpfel, damit ist der Apfel die gefragteste Frucht. Im
19. Jahrhundert gab es noch über 1000 Apfelsorten, aber welche kennen wir heute noch und was kaufen wir im Supermarkt?

Image besuchte Christian Hückinghaus auf seiner Streuobstwiese in Gevelsberg und bekam folgende Antworten:

 

Christian Hückinghaus: Landberger Renette, Krügers Dick­stiel oder Roter Bellefleur sind drei Apfelsorten, die heute nahezu unbekannt sind. Die meisten Apfelsorten, die heute auf dem Markt sind, gehen auf sehr wenige Ausgangssorten zurück. Cox Orange, Golden Delicius, Red Delicius, Jonathan, James Greve und Mac Intosh sind Stammeltern­sorten vieler moderner Sorten. Diese sechs Apfelsorten sind auf mehreren Ebenen hochgradig krankheitsanfällig. Die genetische Breite wird immer enger. Viele alte Sorten haben aber genetische Eigenschaften, die sehr interessant sind. Wenn diese Sorten verloren gehen, geht ein Stück Kulturgut verloren.
Image: Was bedeutet das für den Verbraucher?
Christian Hückinghaus: Die aus den Stammelternsorten für den Intensivobstanbau gezüchteten „modernen Äpfel“ wie z.B. Elstar (Golden Delicius x Ingrid Marie), Pink Lady (Lady Williams x Golden Delicius) oder Jonagold (Jonathan x Golden Delicius) tragen ebenfalls dieses Erbgut in sich. Sie benötigen leichte Böden und wärmere Klimabedingungen, sind pflegeintensiv mit hohem Pflanzenschutzmittelinput.
Das bedeutet, dass der Jungbaum mit dem Zuchtziel, hormonell begünstigt, früh in die Ertrags­phase gelangt. Wenn überdies von Anfang an kein fachlicher Schnitt erfolgt, d.h. ein mehrjähriges Anschneiden der Leitäste, was zu einer tragstabilen Krone führt, und das Ausschneiden der Blüten­knospen ausbleibt, erschöpft sich der Baum in kurzer Zeit. Erkennbar durch seinen Hängewuchs mit mangelhaft ausgebildeten Leitästen, die eventuell zudem auch noch an dem Obstbaumkrebs erkrankt sind. Bei einigen Pi- und Re-Apfelsorten sind
die Resistenzlinien durch die pilzlichen Hauptkrankheiten wieder durchbrochen worden. Somit werden alle anfälligen Sorten bei nicht fachgerechter Pflege innerhalb von ein paar Jahren erkranken und schließlich absterben.
Auch Aspekte bezüglich Blatt- oder Blutlausbefall und die Einflussnahme des beginnenden Klimawandels bei modernen Sorten sind noch nicht eindeutig zu bewerten.
Image: Ihren Ausführungen entnehme ich, dass Bäume aus dem Intensivobstanbau viele Pflanzenschutzmitteln benötigen und für den eigenen Garten nicht unbedingt geieignet sind?
Christian Hückinghaus: Richtig, letztendlich spricht vieles für das vermehrte Anbauen alter Lokalsorten. Das angebotene Sortiment an Äpfeln müsste Aspekte, wie das lokale Klima mit relativ hohen Niederschlägen, kühleren Mitteltemperaturen und die anstehenden mittelschweren Lehmböden berücksichtigen. Es ist sehr ärgerlich, wenn Obstfreunde im eigenen Garten oder auf ihrer großen Streuobstwiese Bäume pflanzen, die mit großer Wahrscheinlichkeit dann mittelfristig erkranken.
Ergo, altbewährte krankheits­resistente, robuste Lokalsorten wie zum Beispiel die Harberts Renette, Krügers Dickstiel, Horneburger Pfannkuchen Apfel oder Roter Bellefleur sollten besonders dann zum Einsatz kommen, wenn schlechte Standortbedingungen vorliegen. Somit kann der pilzliche Befallsdruck durch den Obstbaumkrebs schon im Vorfeld eingedämmt werden, wenn die Standortverhältnisse
den Standortansprüchen den Sorten entsprechen.
Image: Warum setzen Sie sich so für alte Apfelsorten ein?
Christian Hückinghaus: Ich liebe als leidenschaftlicher Gärtner besonders den Umgang mit alten Obstbäumen. Wir verzichten auf eine Fülle von Geschmackserlebnissen. Heimlich, still und leise verschwinden seit Jahrzehnten die Obstbäume aus unseren Gärten. Das hat vor allem mit marktwirtschaftlichen Zwängen zu tun. Da auch mehr und mehr Allergien gegen Äpfel auftreten, könnten die alten Sorten helfen. Mit den Bäumen verschwinden auch die alten Sorten, die von unseren Vorfahren jahrhundertelang genutzt und vermehrt wurden. Zu ihrem Erhalt möchte ich einen kleinen Beitrag leisten.
Image: Vielen Dank für das Gespräch, in der nächsten Ausgabe würden wir Sie gern über die Vorgehensweise in der Obstsortenbestimmung  und Sicherung bei unbestimmten Baumveteranen befragen.

 

Christian Hückinghaus
Lichtenplatzstr. 1
58285 Gevelsberg
Telefon 02332 81800
Landschaftsgärtner,
Dipl. Ing. Landschaftspflege,
geprüfter Obstbaumwart und -pfleger nach LOGL
Mein Aufgabenspektrum an den einzelnen Obstbäumen ist je nach Alter Pflanz-, Erziehungs-, Auslichtungs- und Verjüngungsschnitt. In diesem Prozess ergibt sich häufig die Frage nach der Sorte.
Vielfach sind die Sortennamen in Vergessenheit geraten. Diese Sortennamen geben häufig Aufschluss über die lokale, standörtliche Zugehörigkeit wie z.B. Dülmener Rosenapfel. Ebenso kann eine Person als Namensgeber in Frage kommen, die den Apfel in der freien Landschaft ausfindig gemacht hat, Beispiel Jakob Fischer Apfel. Beim Pastorenapfel war ein Beruf ein Aspekt für die Benennung. Letztendlich entstanden einige heute noch gängige alte Sorten aus Züchtungen, sodass dann die Frucht den Namen des Züchters erhielt – Jakob Lebel.


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