Wie man die Angst des Patienten vorm Praxisstuhl besiegt

Mit Musik fällt vieles leichter, auch der Besuch beim Zahnarzt – „Motörhead“ hilft da nicht.

Der Schrecken hat viele Gesichter. „Eins davon ähnelt dem meines Zahnarztes“: Das würden viele Leidensgenossen unterschreiben. Gerade diese Branche der segensreichen Heilberufe genießt einen unangenehmen Ruf.
Das kann viele Ursachen haben, womit sich schon seit langem Wissenschaftler beschäftigen. Einer davon ist Dr. Peter Jöhren. Er erwarb sich den akademischen Titel eines Professors an der Privatuni Witten/Herdecke mit einer Arbeit über die Angst vorm Zahnarzt und ist heute Leiter der „Zahnklinik Bochum/Therapiezentrum Zahnbehandlungsangst“ an der Berg­straße.


Ausgerechnet Frisöre
Eine Ursache liegt sicherlich in der Vergangenheit. Bevor sich der Stand der Zahnheiler in den Rang eines eigenständigen Gewerkes erheben konnte, haben sich Barbiere unter anderem auch um das Wohl unserer Beißwerkzeuge und deren Umgebung gekümmert.
Warum es ausgerechnet Frisöre waren und nicht etwa Schmiede oder Schuster, bleibt wohl im Dunkel der Geschichte verborgen. Auf jeden Fall muss das wehgetan haben, da Narkosevorrichtungen weitgehend unbekannt waren außer vielleicht unettikettierte Flaschen mit Selbstgebranntem, die wir allerhöchstens noch aus amerikanischen Western kennen. Der Schrecken, den dieses Gewerbe verbreitet hatte, blieb eine Weile bestehen, auch als der Barbier schließlich eine Doktorarbeit schreiben und sich Arzt nennen durfte. Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Zeiten, wo Bohrer mit dünnen Riemen angetrieben wurden und einen tiefen mahlenden Ton erzeugten, den man sonst nur aus Autowerkstätten kennt. An der Spitze dieser urtümlichen Geräte rotierten grobe Fräsaufsätze, mit dem man auch Löcher für die ­Dübel eines Küchenschrankes bohren konnte. Das alles war nicht angetan, um für die Mehrheit der Zeitgenossen ein nachhaltiges Vertrauensverhältnis aufzubauen, auch wenn sich Narkosetechnik und Werkzeugkasten wesentlich verbessert haben und nicht mehr aus mittelalterlichen Kellergewölben zu stammen scheinen, wo um kirchliche Wahrheiten gerungen wurde. „Wie kann man diese Angst des Patienten vorm Praxisstuhl besiegen?“ oder „Wie das große Zittern vorm Zahnarzt beenden?“ Antworten darauf kann man in der Schrift „Zahnbehandlungsangst“ von Dr. Peter Jöhren finden. Er setzt auf die Kraft der Musik, was nicht neu ist.


Ein gewisser Herr Kronfeld
Ein gewisser Herr Kronfeld hat schon 1901 berichtet, dass Musik zur Angstlösung am Beginn einer Narkose erfolgreich erklungen sei. In der klinischen Untersuchung von Dr. Peter Jöhren wurde die Wirkung von Musik im Verlauf einer zahnärztlichen Behandlung getestet. Das Ergebnis in Kurzform: Musik senkt Angst, Puls und Schmerz, und zwar merkbar. Der Schmerzforscher schreibt in seinem Bericht: „Wenn der Patient vor der Behandlung im Behandlungsstuhl Platz genommen hat, zeigte sich der größte Effekt von Musik auf Schmerzempfinden. Im Behandlungsverlauf bewirkte die Musikintervention eine relativ konstante Reduktion des Angstempfindens“.


Helene oder Howard?
Die abschließende spannende Frage lautet: „Mit welcher Musik erzielt man die gewünschte Wirkung? Hilft das ohrenbetäubende Dröhnen von Heavy-Metal-Bands wie Motörhead oder Metallica auch gegen Zahnschmerzen? Oder sind Schmuseschlager von Helene Fischer bis Howard Carpendale einschläfernder? Oder müssen es mal wieder die Klassiker von Mozart bis Robert Schumann richten? Weder noch.


Einige gehen gar nicht hin
Dr. Peter Jöhren griff auf bewährte Entspannungsmusik zurück, die den Patienten über Ohrkanalhörer verabreicht wurde, damit der Sirenenklang des Bohrers nicht beim Angstabbau dazwischenfunkte. Die angstlösende Wirkung bestimmter Musik wird viele freuen: 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung haben laut der „Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ (DGZMK) Angst vor dem Zahnarztbesuch. Bis zu 20 Prozent gelten als hochängstlich, und 5 Prozent gehen erst gar nicht hin.


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