Welper: Karl Thiel ist Gründer der Gartenstadt Hüttenau

Wohnen in Genossenschaften steht auf der UNESCO-Liste der immateriellen Kulturwerte.

Gründete die Arbeitersiedlung „Gartenstadt Hüttenau“ in Welper: Karl Thiel.

Die erste deutsche UNESCO-Nominierung „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ steht auf  der „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“. 2013 ist die Bundesrepublik Deutschland diesem UNESCO-Übereinkommen beigetreten. Bei Genossenschaftswohnungen ist der Vermieter kein gewinnorientiertes Unternehmen - die Mieter selbst sind Eigentümer in Form eben jener Genossenschaft. In Welper wurde die Gartenstadt Hüttenau von Karl Thiel gegründet.
Karl Thiel wurde am 18. Oktober 1875 als Sohn eines Kupferschlägers in Lüdenscheid geboren. Er schlug die Laufbahn eines klassischen Beamten ein – sein Beruf führte ihn zu den Stadtverwaltungen nach Goch, Lüdenscheid, Gelsenkirchen, Baukau, Westerkappeln und am 1. April 1909 nach Blankenstein. Dort war er bis zum 30. Juni 1934 Amtmann und Erster Bürgermeister.
Einen Namen gemacht hat sich Thiel vor allem im Zusammenhang mit der Gartenstadt Hüttenau. Die Arbeitersiedlung im heutigen Stadtteil Welper geht auf die Gründungsversammlung am 31. Oktober 1909 zurück. Sie lehnte sich an Ideen der Sozialreformen in Großbritannien und das Gartenstadt-Konzept an. Karl Thiel schrieb damals: „Die räumliche Abtrennung der Familien von der Scholle, der nur der wohlhabende Mensch unseres Zeitalters noch entgehen kann, läuft der naturhaften Freude geradezu entgegen. Da die kosmischen Gesetze aber für alle Menschen bindend sind, gilt das Prinzip des freien Menschen auch für alle - die Minderbemittelten wie die Begüterten.“ (Aus: „Geschichte der Gartenstadt Hüttenau“).
Thiel rief 1909 zur Gründung einer Baugenossenschaft auf und beauftragte den Architekten Georg Metzendorf, der seit 1908 leitender Architekt der Margarete-Krupp-Stiftung in Essen war, mit der Planung und Umsetzung einer Gartenstadt als Gegenbewegung zum Konzept der Mietskasernen.
Es entstanden innerhalb mehrerer Jahre insgesamt 400 Häuser mit fließendem Wasser, separatem Bad, Anschluss an Abwasserkanäle, Heizung über eine zentrale Anlage, Stromanschluss und einem größeren Garten. Insbesondere der Garten war Thiel wichtig. Die Eigenheime, viele von ihnen für die Arbeiter der Henrichshütte gedacht, wurden auf den „sonnigen Auen von Welper“ errichtet. Die Siedlung galt als vorbildlich und fand in ganz Deutschland Beachtung.
Viel Beachtung fand Karl Thiel auch bei den Nationalsozialisten – allerdings in negativer Form. Ihnen war der beliebte Thiel ein Dorn im Auge. 1933 wurde ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. Die Vorwürfe schienen absurd: In seiner Dienstwohnung sollte er Waschtische auf Amtskosten eingebaut haben. Auch die Anbringung einer Plakette mit seinem Bild an der Kemnader Brücke wurde als unzulässiger Personenkult angesehen. 1934 wurde das Verfahren vor allem wegen Verjährung eingestellt, aber Thiel sollte nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Nationalsozialisten bemängelten, dass der Brunnen am Bebelplatz nach ihm benannt wurde – und sie versetzten den Amtmann im April 1934 in den Ruhestand.
Friedrich Wilhelm Karl Thiel starb am 1. Oktober 1942 in Dortmund – bis zu seinem Lebensende trafen ihn die Vorwürfe schwer.


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