Was passiert mit Organen

Empfänger verspüren häufig Verantwortung.

Rund 12 000 Menschen in Deutschland sind so krank, dass sie auf eine Organspende angewiesen sind, aber nicht mal ein Fünftel der Bevölkerung bekennt sich in Form eines Organspendeausweises dazu, seine Organe zu spenden.
Dem steht die Hoffnung auf Überleben der Menschen gegenüber, die auf eine Organspende angewiesen sind und nicht selten versterben, bevor sie der erlösende Anruf erreicht. Spendebereitschaft als Akt der Nächstenliebe? Was passiert mit meinen Organen? Wie läuft eine Spende ab und wie ergeht es den Angehörigen und dem Empfänger?
Dein Tod, mein Leben
Die Vielschichtigkeit des Themas hat die Ethnologin Dr. Vera Kalitzkus von der Universität Witten/Herdecke bereits 2009 in ihrem Buch „Dein Tod, mein Leben“ beschrieben. Medizinische Rationalität und Plausibilität stehen deutlichen psychologischen und emotionalen Vorbehalten gegenüber. Ein Herz kann aus medizinischer Sicht ohne Probleme in einen anderen Körper verpflanzt werden.
Der Empfänger dagegen verspürt nach den Erfahrungen der Wissenschaftlerin häufig eine Verantwortung für den Spender, dem er sein Leben verdankt und der quasi in ihm weiterlebt. Erfahrungen und Gefühle, mit denen Empfänger durch eine psychologische Betreuung nicht allein gelassen werden.
Hoher Druck
Einem hohen Druck sehen sich vor allem die Angehörigen eines möglichen Organspenders ausgesetzt. „Die Familie und Freunde stehen zum Beispiel nach einem Unfall unter Schock. In einem solchen Moment sind die Angehörigen völlig überfordert, die Frage einer Übertragung der Organe kurzfristig zu entscheiden“, meint auch Carmen Müller. Die Wittenerin arbeitet als Krankenschwester und hat bereits ähnliche Situationen in ihrer Ausbildung erlebt. Hilfreich ist es dann, wenn der mögliche Organspender einen Ausweis mit sich geführt hatte, auf dem „Ja“ oder „Nein“ angekreuzt ist. „Damit fällt die Entscheidung meist etwas leichter, sich im Sinne des möglichen Spenders für oder gegen eine Organübertragung auszusprechen.“
Ist die Zustimmung zu einer Organentnahme erfolgt, verbleibt nur wenig Zeit für einen würdevollen Abschied. Zum Erhalt der Organe müssen die erforderlichen medizinischen Maßnahmen innerhalb kurzer Zeit eingeleitet werden.
Medizinische Kompatibilität
Spenderdatenbanken prüfen die Organe auf ihre medizinische Kompatibilität mit möglichen Spendern und entscheiden unter Berücksichtigung von Dringlichkeit und Erfolgsaussicht. Die unlauteren Praktiken einiger Kliniken vor ein paar Jahren hatten der Spendebereitschaft einen Bärendienst erwiesen und einen Rückgang der Spendebereitschaft verursacht. Fazit von Carmen Müller: „Möglichst viele Menschen sollten einen Ausweis bei sich tragen, egal, ob sie spenden wollen oder nicht. Damit setzen sie aber einen klaren Standpunkt und entlasten im Fall des Falles ihre Hinterbliebenen. Denn die haben in dem Moment ganz andere Sorgen.“
(Matthias Dix)