Viele Frauen(stimmen) für eine lebendige Demokratie

100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland - IMAGE im Gespräch mit Dr. Ulrike Brauksiepe.

Dr. Ulrike Brauksiepe ist seit Anfang der neunziger Jahre auf lokaler Ebene in der Politik tätig. Der Mutter von vier Kindern war es immer wichtig, nicht auf lange Zeit von ihren Kindern getrennt zu sein.

Die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland am 12. November 1918 ist der Aufruf an das Deutsche Volk vom Rat der Volksbeauftragten. Hier heißt es: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“ Am 30. November 1918 trat in Deutschland das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft. IMAGE sprach mit der Diplom-Ökonomin Dr. Ulrike Brauksiepe, Stadtverordnete, Stellv. Bürgermeisterin, Ortsbürgermeisterin, Sprecherin des Bau-, Umwelt- und Verkehrsausschusses, Stellv. Vorsitzende des CDU-Stadtverbandes Hattingen und Vorsitzende des CDU-Ortsverbandes Hattingen-Mitte über Frauen in der Politik.

Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. In Preußen galt seit 1848 das sogenannte Dreiklassenwahlrecht. Das aktive Wahlrecht stand allen Männern nach Vollendung des 24. Lebensjahres zu. Frauen und Fürsorgeempfänger durften nicht wählen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche” Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere politische Schritte mussten in der Folgezeit gegangen, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden.
Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der „vier Mütter des Grundgesetzes”, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt” am 23. Mai 1949 im Artikel 3, Abs. 2 unseres Grundgesetzes als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde. Trotz dieser formalen Gleichberechtigung stoßen Frauen selbst 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts immer noch an eine „gläserne Decke“: sie sind in gesellschaftlichen Führungspositionen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft nach wie vor unterrepräsentiert.
Am 19. Januar 1919 konnten Frauen zum ersten Mal in ganz Deutschland wählen und gewählt werden, denn am 19. Januar 1919 fanden allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung statt. 300 Frauen kandidierten. 37 Frauen - insgesamt gab es 423 Abgeordnete - werden schließlich gewählt. Auch wenn die Wählerinnen in ihrer Mehrzahl den konservativen Parteien ihre Stimme gaben, waren die meisten weiblichen Abgeordneten doch in den Reihen der SPD zu finden.
Als erste Frau überhaupt ergriff Marianne Weber (DDP), die Frau des Soziologen Max Weber, bei der konstituierenden Sitzung am 15. Januar 1919 im Karlsruher Ständehaus das Wort und wandte sich an ihre männlichen Kollegen: „Wir Frauen können nur unserer hohen Freude und Befriedigung darüber Ausdruck geben, dass wir zu dieser Aufgabe mitberufen sind, und ich glaube sagen zu dürfen, dass wir besser für sie vorbereitet sind, als vielleicht die meisten von Ihnen glauben.”
Als erste Frau in der Weimarer Nationalversammlung spricht am 19. Februar 1919 die Sozialdemokratin Marie Juchacz aus Berlin: „Ich möchte hier feststellen..., dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.”
Das Zahlenverhältnis von Männern und Frauen in den Parlamenten hat sich über die Jahre hinweg verbessert. Dennoch liegt der Anteil weiblicher Parlamentarierinnen im Deutschen Bundestag heute lediglich bei 31 Prozent.
Auch in den lokalen Parlamenten vor Ort sieht das nicht viel besser aus: von 40 Mandatsträgern in Sprockhövel sind darunter gerade einmal sieben Frauen. Von 46 Stadtverordneten in Hattingen sind 13 Frauen. Eine die seit Anfang der neunziger Jahre dabei ist, ist Dr. Ulrike Brauksiepe. Sie sagt: „In der Politik gibt es viele Abend- und Wochenendtermine. Fraktionssitzungen fallen ebenso darunter wie die Sitzungen der politischen Gremien. Wenn Kinder geboren werden, ist es aber oft so, dass Mütter ihre Kinder nicht lange allein lassen möchten. Dabei denke ich nicht, dass die meisten Mütter sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen - ich glaube, für viele von ihnen ist das einfach eine innere Einstellung. Findet Politik dann auch noch auf höheren Ebenen statt, so sind es Tage, in denen man seine Kinder nicht sieht. Ähnlich sehe ich das bei der beruflichen Arbeit. Führungspositionen sind oft mit Außenterminen verbunden, die das abendliche Nachhausekommen nicht immer möglich machen. Mir war und ist es immer wichtig, meinen Kindern eine Ansprechpartnerin zu sein und das täglich.“
Ulrike Brauksiepe ist Mutter von vier Kindern. Drei von ihnen besuchen noch das Gymnasium, ein Sohn studiert. Die Diplom-Ökonomin war allerdings immer berufstätig. „Ich glaube, der Blick in die Geschichte und das Frauenwahlrecht - das es in der Schweiz übrigens erst seit 1971 und in Liechtenstein erst seit 1984 per Referendum mit 51,3 Prozent gibt - zeigt deutlich: Frauen müssen ihre Stimme erheben. Frauen müssen das Recht haben zu wählen - im wahrsten Sinne in der Politik und im allgemeinen Verständnis im Hinblick auf das, was sie im Leben machen möchten. Ich halte die Wahlmöglichkeiten für eine der wichtigsten Errungenschaften. Die Gesellschaft muss aber das Ergebnis dieser Wahl auch akzeptieren.“
Auch gesellschaftliche Zwänge - typisch Mädchen, typisch Junge - lehne sie ab. „Ich habe mich in der Politik immer um einen technischen Ausschuss bemüht, also Stadtentwicklung oder Bauausschuss. Das hat in der Regel auch funktioniert. Das liegt aber nicht daran, dass ich die Definition über das Geschlecht wichtig finde, sondern ich interessiere mich einfach dafür. Und wenn ein Mann Kinderpfleger werden möchte, ist das auch in Ordnung. Was mir wichtig ist: gleiche Arbeit muss gleich entlohnt werden. Nun haben wir in vielen Bereichen Tarifrecht. Aber da, wo es nicht der Fall ist, muss natürlich nachgebesssert werden.“


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