Telemedizin: Statt Handschlag kommt der Online-Arzt

Berufsordnung muss geändert werden – Dr. Willi Martmöller sieht hier neue Chancen.

Dr. Willi Martmöller, Sprecher der Hattinger Hausärzte, an seinem Schreibtisch in der Gemeinschaftspraxis. Er sieht in der Telemedizin eine Chance der Verbesserung im Service vor allem für ältere Patienten und solchen, die sehr abgelegen wohnen.

Im Ausland ist das schon Realität: Eine ärztliche Behandlung per Ferndiagnose. Persönlich hat der Arzt seinen Patienten nicht gesehen. In England und der Schweiz gibt es Online-Portale, die digitale Behandlungen anbieten. Telemedizin als zukünftig fester Bestandteil der Diagnostik?

Bisher dürfen deutsche Ärzte ihre Patienten nicht ausschließlich digital behandeln - das verbietet ihre Berufsordnung. Die legt fest, dass ein Arzt den Patienten persönlich gesehen haben muss, bevor digital - etwa via Fragebogen, Telefonat oder Videokonferenz - behandelt werden darf.
Die Landesärztekammer in Baden-Württemberg will jetzt - als erste deutsche Ärztekammer und damit bundesweit einmalig - ihre Berufsordnung ändern. „Die Änderung wird im Herbst in Kraft treten, wenn das Ministerium offiziell zugestimmt hat“, sagt Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Zunächst soll es in dem Bereich aber nur Modellprojekte geben, die genehmigt und evaluiert werden müssen.

Modellversuch sinnvoll
Eine Behandlung ganz ohne Arztkontakt hält man bei der Techniker Krankenkasse in NRW für eine gute Idee. „Man sollte allen die Chance bieten, das auszuprobieren“, kommentiert TK-Sprecher Christian Elpas. So könne eine digitale Erstsprechstunde beispielsweise die Beschwerden abklären und ob überhaupt ein Arztbesuch notwendig sei. Gerade für ältere Menschen oder beruflich stark belastete Personen sei das ein guter erster Schritt.
Ein Stück des digitalen Weges ist man übrigens schon gegangen: Im September 2015 startete die Techniker Krankenkasse zusammen mit dem Bundesverband Deutscher Dermatologen ein Modell-Projekt: Patienten können ihren Hautarzt per Online-Video-Sprechstunde sprechen. Vorraussetzung: Der Patient war schon einmal in der Praxis des Arztes und wurde von ihm persönlich untersucht. Dann kann ein Wiederholungstermin per Computer stattfinden. Zum vereinbarten Termin loggt der Patient sich über die Website des Software Anbieters ein. Dazu benötigt er eine TAN (Transaktionsnummer), die er vorher erhalten hat. Nun können Arzt und Patient sich unterhalten und der Arzt kann über die Computerkamera auch z.B. eine Wunde angucken.
Im November findet in Berlin der siebte nationale Fachkongress für Telemedizin statt und seit 1999 gibt es in Bochum das ZTG, das Zentrum für Telematik und Telemedizin. Eine eigenständige Abteilung für Telemedizin (ZfT) wird hier seit 2012 aufgebaut.

Sinnvolle Ergänzung
Der neuen Technik aufgeschlossen gegenüber steht auch Dr. Willi Martmöller, Sprecher der Hattinger Hausärzte. Er demonstriert an seinem Smartphone, was  erste Patienten von ihm bereits heute mit der Technik können. „Es gibt ein Zusatzgerät für die Rückseite des Smartphones. Ist dieses installiert und sind die technischen Voraussetzungen erfüllt, dann legt der Patient seinen Finger auf die Bildschirmfläche des Smartphones und bekommt auf diese Weise sein EKG angezeigt. Die Daten können an den Hausarzt übermittelt werden und ich sehe, ob das EKG in Ordnung ist“, erklärt Martmöller. „Für viele Patienten ist das eine Beruhigung, wenn es ihnen mal nicht gut geht und sie Angstzustände haben und einen Infarkt befürchten. Für Kontrollen ist die Telemedizin eine gute Sache. In ländlichen Gebieten, in denen die Versorgung durch einen Arzt allein aus räumlichen Gründen schwierig ist, kann die Telemedizin helfen. Selbst dann, wenn ein Notarzt gerufen werden muss, kann unter Umständen die Zeit bis zu seinem Eintreffen durch die vom Arzt digital gegeben Anweisungen sinnvoll genutzt werden. Das kann Leben retten.“
Auch in der Psychotherapie sieht Martmöller Chancen für die Telemedizin. „Ein gutes Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist hier besonders wichtig. Zieht der Patient um, dann kann er über Telemedizin den Kontakt zum Arzt seines Vertrauens halten.“
Wichtig sei, dass die Menschen mehr miteinander reden müssten. „Es muss eine neue Dimension der Nachbarschaftshilfe entstehen. Da werden nicht mehr nur die Blumen gegossen, sondern vielleicht ist auch einmal Hilfe bei einer medizinischen Messung nötig. Die Menschen müssen sich daran gewöhnen, mehr Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.“anja


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