Steinbildhauer: Wenn die Steine Geschichten erzählen

Alte Handwerkskunst ist gefragt bei individuellem Grabschmuck oder Totenmasken.

Henner Gräf sitzt auf Jurakalkstein aus dem alten Mühltal. Daraus kann er beispielsweise Sitzmöbel machen, die auf der Terrasse oder auch auf dem Friedhof ihren Standort haben. Auch für die Ev. Kirchengemeinde Sprockhövel war Gräf mit dem „Steinod“ tätig.

Steinbildhauer – wenn ein Grabstein gefertigt werden soll, ein Kunstobjekt geschaffen wird, dann ist der „Bildhauer im Handwerk“ gefragt. Ein Beruf mit dem Ziel, Steine zu bearbeiten, auf das sie eine Geschichte erzählen. Timothy C. Vincent aus Wetter und Henner Gräf aus Sprockhövel sind zwei Beispiele für das besondere Handwerk.
Timothy C. Vincent ist gebürtiger Brite, lebt aber seit gefühlten Ewigkeiten in Deutschland. Er ist Feinmechaniker und Ingenieur für Werkstofftechnik. Erst nachdem er fünf Jahre in einem Steinbruch in Herdecke gearbeitet hatte, wusste er: Ich will immer am Stein arbeiten.
Dabei ist ihm eine Botschaft wichtig: „Europa hat genügend Steine. Da muss man nicht auf Billigimporte zurückgreifen, die womöglich durch die Hände von Kindern gingen“, sagt der Steinbildmauer, der von Nachhaltigkeit überzeugt ist.
Seine Kunden, oft die Angehörigen der Verstorbenen, kommen zu ihm, weil sie ein individuelles Grabmal möchten. Keine Kataloge, dafür Skizzen und viele persönliche Gespräche. Der Stein soll die Geschichte, das Leben des Verstorbenen erzählen. Das kann auch schon einmal eine skurrile Aufschrift beinhalten: „Schau nicht so doof, ich läge jetzt auch lieber am Strand.“ Es kann aber auch emotional in die andere Richtung gehen, wenn beispielsweise Feldgestaltungen für Föten und Totgeburten zu kreieren sind.


Totenmasken als Erinnerung
Genauso emotional sind Grabsteine und Totenmasken des Sprockhövelers Henner Gräf. „Ich bin Bildhauer im Handwerk und verstehe mich als Künstler“, so Gräf, der schon seit den neunziger Jahren dabei ist und zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat. Skulpturen, Brunnen, Grabsteine und Totenmasken – gestaltet aus heimischem Stein mitten in der Natur Sprockhövels. Auch für ihn ist Nachhaltigkeit oberstes Gebot. Gräf, der früher einmal in einem Steuerbüro arbeitete, hat hier seine Berufung gefunden. „Wenn ein Verstorbener Vögel liebte, so kann ich ihm eine Vogeltränke als Grabstein machen. Dann gibt es eine Beziehung zu seinem Leben. Oft erhalten die Angehörigen von mir aus dem Material eine Vase zur Erinnerung“, erzählt er.
Schlucken musste er bei der ersten Gestaltung einer Totenmaske. „Das kam auf Anfrage. Ich decke dann den Verstorbenen bis auf das Gesicht ab, gebe über das Gesicht eine Vaselineschicht als Trennung zum angerührten Gips, welcher über das Gesicht kommt. Das ist wichtig, damit sich die Materialien auch später voneinander lösen. Nach dem Aushärten  bekommt man so eine ­Negativmaske, die dann erneut mit Vaselineschicht und flüssigem Gips gefült wird, um später die endgültige Maske zu erhalten. Aber ich führe nicht jede Anfrage aus, denn durch Befragungen nach dem Zeitpunkt des Todes oder langjährigen Medikamentengaben  kann man nicht jedem Verstorbenen die Totenmaske abnehmen. Es gibt nicht immer das friedliche Bild, welches sich der Angehörige wünscht.“


Handwerk und Kunst
Die Verbindung zwischen Handwerk und Kunst zieht beide in den Bann. „Ich will mit dem Stein  Geschichten erzählen. Entweder sind das meine Gedanken oder ich erinnere an das Leben eines Verstorbenen. Es gibt sogar Sammler von meinen Arbeiten, weil ich ja auch Skulpturen und Brunnen mache. Ich liebe es, aus Stein etwas zu erschaffen.“
Timothy C. Vincent sagt es so: „Das letzte Wort des Menschen ist sein Grabstein.“   


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