Seit einem Jahr wieder im Amt Bürgermeister - Winkelmann trotzt dem Schlaganfall

1/3 der Betroffenen ist tot, 1/3 schwerstbehindert und 1/3 bekommt es wieder hin.
Ulli Winkelmann wurde schwer getroffen, jetzt ist er wieder im Amt.

 

Bürgermeister Winkelmann

Wie geht er mit so einem Ereignis um, merkt  man ihm seine Geschichte an, kann er sein Amt wieder ausfüllen oder hat er vielleicht Tipps für andere Betroffene?
Image wollte es wissen und sprach in seinem Amtszimmer mit ihm.

Image: Sie sind jetzt wieder ein Jahr im Amt – wie lange ist der Schlag­anfall her und wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es heute wieder gut. Im April 2016 hatte ich den Schlaganfall.
Im Nachhinein betrachtet, war es eine schwierige Zeit. Heute weiß ich, dass man entweder wach wird oder nicht. Ich hatte das Glück, wieder wach zu werden und habe alle mir angebotenen Therapien genutzt –da muss man sich natürlich auch oft selbst motivieren (in den Hintern treten) und zur Physiotherapie gehen anstatt morgens liegenzubleiben. Ich habe in der Reha gemerkt, dass man sich jeden kleinen Fortschritt hart erarbeiten muss.
Image: Haben denn andere Mitpatienten aufgegeben?
Ja, sehr sehr viele. Wenn man da in die Tiefe geht und zuhört, da waren schon ganz ganz große Schicksale dabei.
Image: Wie lange waren Sie in der Reha?
Ich war über ein halbes Jahr in der Reha, die Sprache war da und mein Erinnerungsvermögen. Die ersten Tage hat meine Frau mich noch im Rollstuhl durch die Gegend gefahren, da durfte ich noch nicht laufen. Ich konnte aber zum Glück meine unteren Extremitäten bewegen, genauso klappte es mit der Feinmotorik des rechten Arms und der rechte Hand. Mein Tischnachbar hatte mit seinem Gedächtnis Schwierigkeiten, andere konnten sich nicht artikulieren, das ist dann schon eine andere Nummer.
Image: Wie ist es Ihnen denn im ersten Jahr im „alten Job“ ergangen und können Sie den Stress reduzieren?
Ich bin dankbar, dass ich auf den Stuhl zurückkehren konnte – der Stuhl ist allerdings der gleiche Stuhl geblieben. Am Anfang stand die Wiedereingliederung mit einer sich steigernden Belastung. Der Job ist aber immer gleich, würde ich mal behaupten. Am Anfang wird schon Rücksicht genommen, aber irgendwann ist man dann wieder da und wird wie vorher gefordert. Man will dann ja auch keine Sonderbehandlung, das geht schlecht. Ich habe vor meiner Rückkehr in den Arbeitsalltag alles abklopfen lassen: neurologisches Gutachten, ärztliches Attest, fahrpraktische Prüfung in einer darauf spezialisierten Fahrschule  – für meine Birne in Retro war das ganz gut, sich damit wieder neu auseinandersetzen zu müssen. Es war dann beruhigend die Tests zu machen, die dann o.k. ausgefallen sind.
Image: Jetzt machen Sie ja wieder den alten Fulltime-Job?
Ja, volles Programm. Wir haben ja Gleitzeit, aber die Jobarbeitszeit im Büro geht so gegen 8 Uhr los und abends bis dann Schluss ist, – die Ausschüsse sind ja erst frühestens 17.30 Uhr – kann es auch mal 21 Uhr oder  23 Uhr werden. Ausschusssitzungen, da weiß man nie, wie lange so etwas geht. Ich bin ja auch nicht der Typ, der so einen Termin durchprügelt. Ich lasse ausreden und wenn sich alle an gewisse Spielregeln halten, geht‘s ja auch.
Image: Sie werden aber grundsätzlich von allen akzeptiert wie vor Ihrem Schlaganfall?
Ich bin jetzt wieder im Amt, habe ja auch die medizinischen Test absolviert. Die Medizin ist ja schon ziemlich weit, sie schneiden einem die Birne auf, sodass der Druck entweichen kann, nehmen den Kopfknochen raus, legen ihn drei Monate auf Eis und setzen ihn dann wieder ein. Es war schon ein ziemlich heftiger Schlaganfall, eigentlich tödlich. Wenn ich mit diesem Schlaganfall nicht sofort gefunden worden wäre – ich hätte keine Chance gehabt. Die Rettungskette im EN-Kreis funktioniert. Ich habe mich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt. Vom Krankenhauspersonal über die Ärzte bis hin zu den Therapeuten.
Image: Dann sind Sie bestimmt privat versichert oder zusatzversichert?
Nein, ich bin in der gesetzlichen Krankenkasse geblieben.
Image: Gibt es rückblickend noch Besonderheiten zur Reha, Wiedereingliederung etc.?
Ja, der familiäre Input ist extrem wichtig. Der enge Zusammenhalt innerhalb der Familie, der dann noch gewachsen ist und wo alle eingebunden waren. Ohne Familie ist so etwas echt schwierig, das habe ich in der Reha deutlich gespürt. Da waren viele, die allein waren, die das dann auch nicht so hinbekommen haben.
Image: Wie war es denn nach Ihrer Entlassung aus der Reha?
Die amtsärztliche Untersuchung war für mich positiv, jetzt bin weiterhin zweimal in der Woche bei der Physiotherapie und sehe da auch nach wie vor ein Vorwärtskommen, ich merke das am Arm. Die Ärzte und Therapeuten machen mir alle Mut, dass auch jetzt noch Besserung möglich ist. Auch meine Neurologin und mein Hausarzt helfen mir beim Vorwärtskommen.
Image: Was kann man fast zwei Jahre nach dem Schlaganfall sonst noch sagen?
Ich sehe positiv nach vorn – und von der Grundeinstellung bin ich demütiger und dankbarer geworden. Ich sage mir in Stresssituationen öfter, dass es wichtigere Dinge gibt und habe gelernt schöne Momente auch wirklich zu genießen, so z.B. den morgendlichen Kaffee mit meiner Frau zusammen. Was mir besonders wichtig ist, weiß ich gar nicht.
Image: Wie kommen Sie denn morgens ins Büro?
Ich fahre einen Automatikwagen, den kann ich ganz normal fahren.
Image: Wie lange geht Ihre erste Amtszeit und wollen Sie noch einmal kandidieren?
Zum 1. Teil der Frage: Die geht bis 2020. Und zum 2. Teil: Das weiss ich noch nicht, das ist noch zu früh.
Image: In der Zeit, wo Sie nicht da waren, ist da vieles liegengeblieben?
Die Verwaltung ist gut aufgestellt, die Kollegen hier haben für mich mitgearbeitet und meine Arbeit übernommen und auch gut gemacht. Verwaltung muss ja auch laufen. Ein Bürgermeister kann mal krank sein, das ist nicht so schlimm. Wir haben hier eine Stellvertreterregelung. Jeder ist im Prinzip ersetzbar. Für die repräsentativen Aufgaben gibt es ja ehrenamtliche Stellvertreter, die das dann auch wahrgenommen haben, deren Zeitplan habe ich auch ziemlich geschreddert. Die hatten bestimmt etwas anderes vor, als meine Termine zu bedienen.
Image: Den Bürgermeister z.B. vier Wochen vertreten zu müssen, ist doch sicher etwas anderes als für mehr als ein Jahr?
Ja, das stimmt schon. Es sind gewisse Netzwerke entstanden, z.B. auf der Ebene des Städte- und Gemeindebundes oder mit anderen Bürgermeistern. Die Kontakte waren dann so lange lahmgelegt, bis ich mein Handy wieder benutzen durfte. Die Kollegen haben das aber auch akzeptiert.
In der Reha war Handyverbot, das hat eine Weile gedauert, ehe ich das kapiert habe, man muss auch wirklich mal alle Fünfe gerade lassen können in der Reha. Das Abschalten ist mir echt schwergefallen. Ich wäre schon immer gern informiert gewesen, habe dann aber über einen Prozess gelernt einzusehen, das bringt jetzt gar nichts. Die meisten E-Mails oder WhatsApps, die ich dann, nachdem ich wieder an den Rechner durfte, erhalten habe, gingen in die Richtung „Jetzt erst mal wieder richtig gesund werden“. Das habe ich dann auch als sehr positiv empfunden. In der Reha waren nur Familie und Freunde. Ich habe die Zeit bekommen mich zu erholen und wieder aufzubauen. Ich hatte das Gefühl, ich bin rausgerissen worden und bin nach der Eingliederungsphase wieder dahin gesetzt worden, wo ich vorher war. Jetzt bin ich wieder auf meiner Position und das ist auch gut so. Ich bin wieder mit derselben Begeisterung dabei. Ich möchte den Leuten auch Mut machen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und sich selbst in den Hintern zu treten und alle angebotenen Therapiemöglichkeiten zu nutzen.
Image: Wie sehen Sie ihr Amt denn heute?
Es gibt die gleiche Haushaltsdiskussion wie vorher auch, Aufgabenstellungen bleiben, klar der demografische Wandel, da sind wir froh, dass unsere Komune arm aber sexy ist – auch in Bezug auf Ausbildung. Wir haben unheimlich viele Anfragen in Bezug auf Ausbildung hier bei uns und das ist ganz toll. Bachelor of laws und Verwaltungsfachangestelle, da läuft es wirklich gut, Bauzeichner haben wir auch im technischen Bereich in der Ausbildung. Wir haben viele Anfragen zu unseren ausgeschriebenen Stellen und es freut mich auch sehr, dass es wieder Interesse an Verwaltung gibt. Wir haben natürlich auch viel gemacht, wir waren auf den ganzen Ausbildungsmessen vertreten, haben unsere eigenen Auszubildenden dahingeschickt.
Der große Crash mit der Überalterung wird 2020/2021 kommen wo ganz viel Wissen flöten geht. Wir hoffen, mit den Leuten dann vereinbaren zu können, dass sie dann noch ein bisschen weitermachen. Die Bereitschaft ist da und das ist auch gut so. Das Wissen der „Alten“ kann man gar nicht kompensieren.
Image: Wie funktioniert denn Personalpolitik?
Die Personalchefin sagt: „Bürgermeister, wir müssen was tun.“ Es gibt einen Stellenplan, der einsichtig ist. Mittwochs gibt es die Runde an diesem Tisch mit dem erweiterten Verwaltungsvorstand. Kämmerer, Personalchefin, gleichzeitig Justitiarin der Stadt und die Fachbereichsleitungen. Wir erarbeiten dann Vorschläge und sehen, wie wir das gestemmt kriegen. Und dann stimmen wir uns ab und müssen die Politik informieren.
Die Politik in Sprockhövel ist der Rat, der ist der Souverän, der entscheidet. Der demografische Wandel ist das eine, auf der anderen Seite ist aber das Geld. Wir müssen mit dem uns zur Verfügung stehenden Geld eine Verwaltung aufrechterhalten. Der Bürger zahlt ja für die ganzen Leistungen, die wir erbringen und erwartet das auch zurecht. Von KITA über Schule bis hin zu auch freiwilligen Leistungen. Dafür nutzen wir ja die Steuermittel. Wir mussten ja auch von heute auf morgen Stellen schaffen, als es um die Flüchtlingsproblematik ging.
Image: Sprockhövel hat ja ein Problem mit der Halle für die Flüchtlinge.
Ja natürlich. Wir mussten seinerzeit eine Entscheidung treffen und wir stehen auch immer noch dazu, weil, wenn die Sache schief gegangen wäre, hätten wir in die Röhre geguckt. Dann wäre als einzige Möglichkeit nur noch die Sporthalle in Niedersprockhövel gewesen. Insofern steht Politik wie auch Verwaltung zur getroffenen Entscheidung. Dass das sündhaft teuer ist, ist korrekt. Wir haben ja vieles sehr gut hinbekommen und was die Flüchtlingshilfe geleistet hat beziehungsweise immer noch leistet, ist einfach toll.
Image: Haben Sie noch eine Botschaft für die Leser?
Botschaft ist: Mir geht es gut, ich kann wieder arbeiten und nach vorne gucken. Der sportliche Kommentar zu meiner Geschichte lautet: „Man darf ein Elfmeterschießen auch gewinnen.“ Ich kann mich nicht an ein Triathlon erinnern, wo ich auf den letzten 50 m überholt wurde. Das ich noch Leute überholt habe, ja, aber nicht andersherum.
Image: Wie sieht es denn mit ihren sportlichen Ambitionen aus?
Ich war im Sommer am Gardasee, da hatte ich mein Liegerad mit und dann bin ich damit durch die Berge gefahren, das geht gut. Auf dem Rad bin ich wieder sportlich aktiv. Ich plane jetzt über Pfingsten eine Woche Urlaub. Aber genug Zeit für meinen Sport habe ich nicht, ich schneide mir schon meine Physiotermine aus den Rippen. Das Bürgermeisteramt ist schon ein umfänglicher Job. Ich kann neben meinem Amt nicht alles machen, was mir gesundheitlich gut täte. Ich habe da schon ein gewisses Maß an Sachzwängen. Netzwerke kommen nicht von alleine, die müssen auch bedient werden. Der Kontakt zu den anderen Bürgermeistern ist wichtig, die interkommunale Gemeinschaft pflegen ist wichtig, die ganzen Bürgermeisterseminare, die es gibt. Es ist auch wichtig, neue Inputs zu bekommen – wo entwickelt sich etwas hin.
Image: Was meinen Sie damit?
Google plant jetzt eine eigene Stadt in der Nähe von Toronto und hat dafür ein großes Areal gekauft. Die ganze Versorgung und Entsorgung soll unterirdisch sein. Ich habe dazu einen Artikel aus dem Englischen übersetzt, wenn man das liest, dann denke ich mir: Das Einzige, was da stört, sind die Menschen und da frag ich mich, wollen wir so etwas? Ich nicht.
Ich schaue hier aus dem Fenster und denke mir: Das ist ein wunderbarer Platz, um hier ein mediterranes Café hinzusetzen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mir mein Bier von irgendeinem Hubschrauber gebracht wird – ich hab das schon noch ganz gern serviert und mein Einkauf ist immer noch: probieren, passt, mitnehmen – vor Ort. Wir kommen um E-Akte etc. auch nicht drumherum, aber ich will vorbereitet sein. Es wird viel auf die Stadtteile ankommen, es wird darauf ankommen, wie wir uns verhalten in dem Bereich, wo wir leben. Ob wir Drohnen vor der Haustür haben wollen oder nicht.

Danke für das Gespräch und alles Gute.


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