Schulchronik gewährt Einblick in die Zeit des Krieges

Lehrer Jan Beins berichtet über Volksschule Pöting - Chronik ist im Stadtarchiv Sprockhövel.

Abrichten der Schulkinder zum „Durchhalten“: Laubheusammlung in der benachbarten Schule Obersprockhövel-Löhen 1918.

Schulchroniken sind wichtige lokalhistorische Quellen, die neben der amtlichen Überlieferung einen Blick in die Vergangenheit unserer Stadt ermöglichen. Die Schulleiter waren angehalten, auch die allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ereignisse in ihrer Schulgemeinde zu dokumentieren. Stadtarchivarin Karin Hockamp lässt uns einen Einblick gewinnen durch die Schulchronik der ehemaligen Volksschule Pöting in Obersprockhövel, die 1968 aufgelöst wurde.

Chronist der Chronik, die auch Ereignisse aus der Zeit des Ersten Weltkrieges umfasst, ist der aus Ostfriesland stammende Hauptlehrer Jan Beins, der von 1902 bis 1924 die Schule leitete. Die Schulgemeinde umfasst den östlichen Teil der Gemeinde Obersprockhövel und den Bereich der Gemeinde Haßlinghausen, der zur Kirchengemeinde Sprockhövel gehörte. In der Zeit zwischen 1914 und 1918 besuchten zwischen 141 und 201 Schulkinder die dreiklassige Volksschule, dessen Gebäude aus massivem Bruchstein noch heute weithin sichtbar an der Pötingstraße steht.
Beins Aufzeichnungen über die zunehmende Mangelwirtschaft und den unvermeidlichen Überlebenskampf an der „Heimatfront“ münden in Resignation über eine Welt, die aus den Fugen geraten war.
Im Folgenden werden Ausschnitte aus der Chronik wiedergegeben, in denen vor allem die Alltagsprobleme in der etwa 1.500 Einwohner zählenden Landgemeinde Obersprockhövel im Verlauf des Krieges deutlich werden.
„…Wenn bei der langen Dauer des Krieges die Begeisterung nicht mehr so hell und laut aufflammt wie zu Anfang, so ist sie nicht etwa erloschen, sondern nur innerlicher geworden, und diese Erfahrung gibt die Gewissheit, dass ein Volk, in dem solch ungeahnte Werte schlummern, seine Aufgabe in der Welt noch nicht erfüllt haben kann und unbesiegbar ist…
Schon im Herbst 1914 war das Petroleum so knapp geworden, dass nur geringe Mengen an die Haushaltungen abgegeben werden konnten und dafür vielfach wieder Kerzen gebraucht werden mussten, die aber auch bald rar und teuer wurden. Unsere Gemeinde war glücklich, dass im Sommer die elektrische Leitung fertig gestellt war.

Klappern der Holzschuhe
Auch das Leder wurde sehr knapp, sodass ein Paar Schuhe zu besohlen 6 Mark, später bis zu 8 und 9 Mark kostete, infolgedessen hörte man vielfach wieder Holzschuhe auf den Straßen klappern. Ende 1916 wurde der Verkauf von Schuhwaren amtlich geregelt, sodass man nun solche nur noch bei Vorzeigung eines amtl. Bezugsscheines kaufen konnte. In derselben Weise wurde der Verkauf von Kleiderstoffen und Wäsche geregelt.
Im Frühjahr 1915 kostete der Zentner Pflanzkartoffeln 12 Mark. … So zwang der Krieg die meisten Menschen, sich nach allen Seiten hin einzuschränken. Für viele war das eine heilsame Übung,... denn in der guten Zeit hatte doch manche Familie in üppiger Lebensweise viele Lebensmittel achtlos verschwendet, kam es doch auch sehr oft vor, dass im Kohlen- oder Papierkasten gut belegte Butterbrote gefunden wurden...

Zeit harter Entbehrungen
Um Fett und Öl zu gewinnen, wurden in allen Schulen des Landes Sonnenblumensamen verteilt, um ausgepflanzt zu werden; bei der nassen und trüben Witterung des Sommers wurden die Samen nicht reif. Auch Obstkerne wurden gesammelt, in unserer Schule über 60 kg, diese Sammlung hat durch das ganze Reich gewaltige Erträge gebracht!
Eine Sammlung von Alt-Gummi erbrachte in unserer Schule die ansehnliche Menge von 50 Pfund, auch wurden Brennnesseln und Papier gesammelt und an die Sammelstelle in Sprockhövel abgegeben.
Der Winter 1916/17 wurde sehr streng und anhaltend. Weil es auf der Eisenbahn an Wagenmaterial und Arbeitskraft fehlte, entstand überall, besonders in den Städten eine große Kohlennot. Von weit her kamen die Bauern mit ihren Karren zur hiesigen Zeche, um sich Brennstoff zu holen, und schon um 3 bis 4 Uhr morgens standen bis zu 30 Karren in einer Reihe wartend da und mussten manchmal bis abends stehen. Aus den benachbarten Städten kamen Frauen und Kinder mit Taschen, Säcken und Kinderwagen, sich Kohlen zu holen. Dazu kam die Knappheit an Lebensmitteln: ½ Pfund Brot, ½ Pfund Kartoffeln für den Tag...

Gewinnsucht und Eigennutz
Wie im Sommer 1917 die ungeteilte Unterrichtszeit (von 7 ½ – 12 ½ Uhr) eingeführt wurde, damit die größeren Kinder bei den landwirtschaftliche Arbeiten helfen konnten, so wurde auch im Winterhalbjahr nur vormittags unterrichtet, um Kosten zu sparen. Auch im Sommer 1918 wurde nur vormittags unterrichtet...Wo ist die herrliche Begeisterung und das hohe Gefühl der Zusammengehörigkeit, das 1914 wie eine heilige Flamme alle Herzen durchglühte, geblieben? Gewinnsucht und Eigennutz in hässlichster Gestalt zeigen sich überall, und daneben herrscht bei den hohen Arbeitslöhnen eine Vergnügungs- und Putzsucht, als ob trotz der langen Kriegsdauer noch kein Mensch den furchtbaren Ernst unserer Zeit verstanden und begriffen habe! Man tanzt um das goldene Kalb über dem Abgrund und in den Abgrund hinein...“


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