Palliativmedizin: Umsorgen bis zum letzten Atemzug

Palliativnetzwerk und Selbsthilfe helfen, aber es gibt zu wenig Ärzte mit Zusatzausbildung.

Arbeiten im Palliativnetzwerk zusammen: Diplom-Pädagogin Sylvia Hoffmann-Krizanits (Psychoonkologie) und Dr. Carsten Wach, Urologe und fachspezifischer Palliativmediziner.

Wer krank ist, sucht einen Arzt auf mit dem Ziel, dieser möge ihm helfen, wieder gesund zu werden. Manchmal aber gibt es keine Heilung. Dann geht es darum, die Symptome zu lindern. Das macht die Palliativmedizin (lat. „pallium“ , der Mantel, ummantelnd). Sie hat zum Ziel, die Lebensqualität des unheilbar Erkrankten zu verbessern, Schmerzen zu lindern und ihm psychischen Beistand zu bieten. Der Palliativmedizinische Konsiliardienst (PKD) Ennepe Ruhr Süd & Hattingen  sowie das Palliativnetz Witten sind in diesem Bereich tätig.

In der Regel wird ein Patient über den Hausarzt oder einen anderen Facharzt in das Palliativnetz eingeschrieben. Die Behandlung durch einen Palliativmediziner findet oft zu Hause aber auch manchmal im Pflegeheim oder in der Kurzzeitpflege statt.
Zum PKD Ennepe-Ruhr Süd & Hattingen gehören außerdem  zwei ambulante Hospizdienste: das Ökumenische Hospiz Emmaus für den Südkreis und für Sprockhövel (Haßlinghausen), der Ambulante Hospizdienst Hattingen-Witten für Niedersprockhövel, Hattingen und Witten.
Sylvia Hoffmann-Krizanits (psychoonkologische Versorgung) aus Hattingen und Dr. Carsten Wach aus Sprockhövel arbeiten im palliativen Netzwerk.
 Der Urologe ist Facharzt für medikamentöse Tumortherapie und Palliativmedizin. Er hat eine 160stündige Zusatzausbildung mit Prüfung zum QPA, zum Qualifizierten Palliativ-Arzt, absolviert.
Mit diesem Wissen hilft der fachspezifische Palliativmediziner vor allem seinen Tumorpatienten.
Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung beim Mann. „In der Regel kommen die Männer zu einer Vorsorgeuntersuchung, die man(n) jährlich ab 45 Jahre machen sollte. Oder sie werden von ihrem Hausarzt zu mir geschickt, weil es Unklarheiten gibt. Ich führe zunächst die familiäre Anamnese durch, dann einen PSA-Test und den Tastbefund. Daraus lässt sich in der Regel eine Diagnose erstellen. Sie kann durch bildgebende Verfahren wie ein MRT und durch eine Gewebeentnahme, eine Biopsie, ergänzt werden.“
Wach weiß, dass gerade der PSA-Test (prostata-spezifisches Antigen, im Blut nachweisbar)) nicht unumstritten ist und deshalb allein für eine Diagnose nicht ausreicht.
Wird ein Tumor festgestellt, kommt in vielen Fällen eine kurative Behandlung infrage. Sie ist auf Heilung ausgerichtet. „Wird ein Prostatakarzinom früh erkannt und gibt es keine Fernmetastasen, sind die Prognosen für eine Heilung sehr gut. Andererseits muss man auch sagen: Wenn es Fernmetastasen gibt, dann setzt in der Regel die palliative Behandlung ein. Sie ist auf Lebensqualität und Linderung der Schmerzen ausgerichtet. Eine Heilung ist nicht mehr möglich.“
Durch die Palliativmedizin haben jedoch auch nicht heilbare Krankheiten eine wesentliche Zeitverlängerung erfahren. Es kann sich um Monate oder Jahre handeln.
„Jedes Gespräch hilft dem Patienten und den Angehörigen. Ich fahre auch zu den Patienten nach Hause, wenn es nötig ist“, so Wach. Dazu betont Sylvia Hoffman-Krizanits: „Es gibt viel zu wenige Fachärzte, die eine solche Zusatzausbildung zum Palliativmediziner haben und auch noch Hausbesuche machen. Deshalb müssen viele Patienten zur Symptomkontrolle zumindest für kurze Zeit auf Palliativstationen.“
Sie selbst arbeitet im Schwerpunkt Psychoonkologie im Palliativnetzwerk. „Jeder, der die Diagnose Krebs bekommt, will zunächst einmal sein altes Leben zurück. Er will es nicht aufgeben.“
Das kann auch Carsten Wach bestätigen: „Ich sitze hier mit den Patienten und erkläre die Diag­nose. Und oft gehen sie nach dem Gespräch zur Tür und fragen, ob das nun wirklich Krebs sei. Dass die Diagnose ihr Leben verändert, dringt nur ganz langsam ins Bewusstsein.“
Nach der Statistik wird von Pro­statakrebspatienten die psychosoziale Unterstützung im Vergleich zu anderen Krebspatienten am wenigsten in Anspruch genommen.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Gespräche von einem männlichen oder weiblichen  Therapeuten geführt werden.
Wichtiger ist die Qualität der Gespräche. „Es gibt Krebspatienten, bei denen ich nach der Diagnose zunächst nur eine Überwachung vornehme. Man muss nicht immer sofort operieren und die Prostata entfernen. Impotenz und Inkontinenz sind zwei mögliche Nebenwirkungen und bereiten verständlicherweise Angst. Viele Patienten brauchen aber eine psychoonkologische Gesprächstherapie, um mit der Diagnose Krebs leben zu können.“
Das sieht auch Sylvia Hoffman-Krizanits so. „Es ist gerade für jüngere Patienten sehr schwierig. Wenn die Erkrankung fortschreitet,  muss man sich Stück für Stück von seinen Lebensträumen verabschieden.“
Die psychoonkologischen Gespräche bewegen sich dann immer mehr zum noch jungen Begriff der Palliativpsychologie.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommt oft die ambulante Hospiz-Betreuung dazu. Sie ist heute weit mehr als eine kurzfristige Sterbebegleitung, sondern oft über einen längeren Zeitraum in  die letzte Lebensphase des Patienten eingebunden. Anders ist es bei der stationären Aufnahme in einem Hospiz. Hier geht es um eine sehr begrenzte Lebenserwartung, die oft in Tagen oder Wochen bemessen ist.
Einrichtungen dieser Art gibt es in Hattingen und Sprockhövel nicht. In Bochum-Linden gibt es im Augusta-Krankenhaus eine Palliativstation, in Witten im Ev. Krankenhaus.
Mit St. Elisabeth in Witten gibt es seit März 2017 ein Hospiz mit zehn Betten.

 

Hier finden Betroffene Hilfe
Palliativmedizinischer Konsiliardienst Ennepe-Ruhr:
Hagener Straße 91, 58285 Gevelsberg, Telefon 02332 5513052, E-Mail: sekretariat@palliativnetz-en.de; www.palliativnetz-en.de
Ambulanter Hospizdienst: Pferdebachstr.aße 39a, 58455 Witten, Telefon 02302/175 2626; Ansprechpartnerinnen sind Susanne
Gramatke und Andrea Glaremin; E-Mail: ahd@diakonie-ruhr.de.
Regionalgruppe Hattingen: Silvia Kaniut, und Beate Achtelik,
Koordinatorin, Telefon  0201/485381; Mobil: 0174 – 9 79 70 29
oder im Büro Holschentor 02324 3809 3070;
Selbsthilfegruppe Prostatakrebs, Kölner Straße 25, Gesundheitshaus Gevelsberg, E-Mail: Prostatakrebs-SHG_Gevelsberg@t-online.de; www.pshg-gevelsberg.de oder peter.meinerzhagen@gmx.de


Bilder