Pädophile Neigungen: Ziel ist es, kein Täter zu werden

IMAGE im Gespräch mit Dr. Willi Martmöller über Entstehung und Therapiemöglichkeiten.

Dr. med. Willi Martmöller

IMAGE: Wie definieren sich pädophile Neigungen?
MARTMÖLLER: Pädophilie wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Störung der Sexualpräferenz eingeordnet. Der Begriff meint eine dauerhafte Neigung zu einer sexuellen Beziehung mit Kindern. Diese Neigung führt nicht immer zu strafbaren Handlungen.
IMAGE: Wie entsteht diese Neigung?
MARTMÖLLER: Der Forschungsverbund NEMUP (Neurobiologische Grundlagen von Pädophilie und sexuellem Missbrauchsverhalten gegen Kinder) untersucht neurobiologische Grundlagen. 2012 gab es eine Hirnstudie an der Kieler Uniklinik, bei der man mit einer Genauigkeit von 95 Prozent die Hirnstruktur von Pädaphilen und Nicht-Pädophieln per Hirnscan unterscheiden konnte. Man schließt aber auch psychische, entwicklungspsychologische und soziale Faktoren nicht aus – so ganz genau weiß man es noch nicht.
IMAGE: Spielt der Machtfaktor von Erwachsenen eine Rolle?
MARTMÖLLER: Das kann man pauschal nicht sagen. Es gibt Menschen, die mehrere Störungsmuster in sich tragen. Sadistische Gewalttäter können auch pädophile Neigungen haben, das muss aber nicht sein.
IMAGE: Sind Pädophile therapierbar?
MARTMÖLLER: Die pädophile Neigung besteht nach heutigem Kenntnisstand lebenslänglich. Der Therapieansatz soll Pädophile in die Lage bringen, ihren Trieb zu kontrollieren, so dass sie keine Übergriffe begehen und keine Kinderpornographie nutzen. Erprobt wird auch die „chemische Kastration“. Der Einsatz von Medikamenten unterdrückt die Libido und sorgt dafür, dass in Hoden und Nebennieren kein Testosteron mehr produziert wird.
IMAGE: Wenn die pädaphile Neigung lebenslänglich besteht, muss dann nicht auch die Therapie lebenslänglich sein?
MARTMÖLLER: Im Prinzip schon. Allerdings ist das nicht so zu verstehen, dass Menschen mit pädophilen Neigungen nun quasi wöchentlich zur Therapiesitzung müssen. Die Therapie versucht zu erreichen, dass persönliche Drucksituationen erkannt werden und die Betroffenen sich dann Hilfe holen.
IMAGE: Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es?
MARTMÖLLER: Es gibt viele Projekte. In Berlin hatte die Berliner Charité 2005 mit dem Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ begonnen. Es richtet sich an Männer mit pädophilen Neigungen, gegen die kein Gerichtsverfahren läuft. Sie lernen in Therapien zum Beispiel in Rollenspielen und Empathie-Trainings ihre Neigungen zu kontrollieren. Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland verschiedene Standorte. Der NRW-Standort befindet sich am Uniklinikum Düsseldorf. Seit 2014 gibt es auch ein spezielles Angebot für Jugendliche. Der Bundestag beschloss 2016, eigenmotivierte Patienten mit pädophilen Neigungen anonym in einer fünfjährigen Probephase in Modellprojekten zu beraten und zu therapieren. Mit dem Beschluss ist der Auftrag an den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) verbunden, diese Therapien als Kassenleistungen zu starten. Das soll 2018 starten. Die Kassen sollen jährlich fünf Millionen Euro zur Verfügung stellen.


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