Natur, Kühe und Käse: Almleben ohne Romantik-Kitsch

Hattingerin Claudia Lohmann lebte drei Monate als Zusennerin auf der Schlappold-Alpe.

Die Hattinger Landwirtin Claudia Lohmann arbeitete drei Monate als „Zusennerin“ auf der Schlappold-Alpe im Naturschutzgebiet Fellhorn bei Oberstdorf. Die Alpe ist Deutschlands größte und höchstgelegene Sennalpe. Sie wird bereits seit 300 Jahren als genossenschaftlicher Betrieb geführt und von Mitte Mai bis Ende Oktober bewirtschaftet. Von Anfang Juni bis Ende September verbringen die Kühe (fast alle von Oberstdorfer Bauern) ihren Sommerurlaub auf der Alpe und es wird täglich Käse hergestellt.

Zusennerin auf einer Alpe? Was, bitte schön, ist das und wie kommt man als Hattinger Landwirtin dorthin? Claudia Lohmann (33) hat es ausprobiert und arbeitete drei Monate auf der Schlappold-Alpe am Fellhorn bei Oberstdorf.
„Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden, mit Kühen halt“, erzählt sie. „Ich wollte einfach mal etwas anderes kennenlernen und neue Erfahrungen machen. Man kann sich beim Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern bewerben und das habe ich gemacht. In diesem Fall war eine Zusennerin krankheitsbedingt ausgefallen und man hat mich zu einem Vorstellungsgespräch gebeten. So ist es gekommen, dass ich drei Monate dort gearbeitet habe.“
Die Alpe wird von einer jungen Familie bewirtschaftet, die im Winter im Tal lebt. Der Vater, ein selbstständiger Schreiner (36), die Mutter (33) und zwei Kinder, sechs und drei Jahre alt, ein Hirte, ein Kleinhirte, eine gastronomische Kraft und Claudia Lohmann als Zusennerin lebten und arbeiteten gemeinsam unter einem Dach. Siebzig Milchkühe werden hier versorgt. Ziemlich viel Arbeit.
Auch für Claudia Lohmann.
„Obwohl ich frühes Aufstehen und harte Arbeit in der Landwirtschaft gewöhnt bin, war es in den ersten Tagen echt anstrengend. Morgens um 5 Uhr ging es los. Um 7 Uhr gab es ein gemeinsames Frühstück, um 10 Uhr Mittag - dann war man nämlich mit dem Melken und in der Käserei fertig und später gab es keine Zeit mehr, denn der gastronomische Betrieb musste ja laufen. Um 16 Uhr gab es Kaffee, um 19 Uhr Abendessen. Den gemeinsamen Mahlzeiten wurde große Priorität eingeräumt. Man saß zusammen, aber viel gesprochen wurde bei Tisch nicht. Die Frauen schon gar nicht. Man war halt eine Gemeinschaft in der Bergwelt. Nach dem Abendessen hat man sich unterhalten oder auch mal zusammen Gesellschaftsspiele gemacht. Wir haben beispielsweise mal mit sechs Personen ,Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt, hatten aber nur ein Spielfeld für vier Personen. Dann nimmt man eben ein Blatt Papier und malt ein Spielfeld für sechs Personen auf - das geht gut. Es ist eine erstaunliche Erfahrung, mit wie wenig man auskommen kann. Ich bin mit drei Koffern auf die Alpe gereist und habe einen davon gar nicht ausgepackt.“
Es sei, so Lohmann, ein völlig anderes Leben in der Natur und man bekomme zum Thema bewusstes Leben und Konsum schon eine andere Beziehung. „Über der Tür hängt ein Schild, auf dem steht: ,Arbeite und strebe, aber lebe‘. Das trifft es ziemlich genau. Es war auch ein anderes Gefühl, mit dem Milchprodukt zu arbeiten. Das Melken bin ich gewöhnt, aber hier kommt der Milchwagen und holt die Rohmilch ab. Auf der Alpe wird sie zu Käse verarbeitet, das hatte ich noch nie gemacht. Lebensmittel werden einfach bewusster wahrgenommen.“ Überhaupt ist das Leben auf der Alpe komplett anders - Fernsehen beispielsweise gibt es dort nicht. „Man hört mal Radio, um die wichtigsten Weltereignisse zu erfahren. Ich habe früher schon wenig fern gesehen, heute mache ich das eigentlich gar nicht mehr. Diese Erfahrung, die ich auf der Alpe gemacht habe, liegt jetzt meinem Alltag hier zugrunde. Ich nehme mir dann lieber ein Buch oder man sitzt einfach zusammen und unter­­hält sich. Auf der Alpe gibt es ­Mobilfunkempfang, aber die meiste Zeit lag das Handy irgendwo in einer Schublade. Man muss nicht immer erreichbar sein und man will es auch gar nicht. Auch diese Erfahrung ist für mich heute und hier im Alltag angekommen.“
Sogar die beiden Kinder der Familie hat Claudia Lohmann andes erlebt, als sie es sonst gewöhnt ist. „Sie sind ja noch klein und natürlich weiß man nicht, wie sich das entwickelt - aber sie sind so zufrieden und brauchen nicht viel Spielzeug. Sie nutzen auch vieles, was die Natur zur Verfügung stellt und sind sehr kreativ.“
Die gemachten Erfahrungen hier im Alltag nicht vergessen, das hat sich Claudia Lohmann fest vorgenommen. Natürlich sei das Leben hier anders und man könne das nicht gänzlich übertragen, aber einige Dinge zum Nachdenken und Verändern gäbe es schon.
Eines hat sie beispielsweise gleich nach ihrer Zeit auf der Schlappold-Alpe begonnen: eine halbjährige Weiterbildung zur „Herdenmanagerin“. Das Wichtigste dabei ist „Kuhverstand“: die Gesundheit der Herde, die Verbesserung von Betriebsabläufen, Controlling und Mitarbeiterführung - all das gehört zum Berufsbild dazu.
Und - würde Claudia Lohmann es wieder tun? „Ja, würde ich. Man muss das zuhause organisieren, aber die Erfahrung ist wirlich wertvoll. Kenntnisse in der Viehzucht sollte man allerdings haben, denn mit Almromantik hat das Leben dort nicht so viel zu tun.“


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