Narzissmus: Wie verliebt sind wir in uns selbst?

Nichts ist so spannend und bewegt den Menschen so sehr wie sein eigenes Verhalten und das seiner Mitmenschen. In diesem Jahr greift IMAGE gemeinsam mit Dr. med. Willi Martmöller, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie (Tiefenpsychologie) in der neuen Serie „Wie tickt der Mensch“ spannende Fragen auf und stellt verblüffende Antworten aus der Psychologie vor.

 

„Narzissmus beschreibt ‚eine übersteigerte Form der Liebe zur eigenen Person. Wir unterscheiden den ‚grandiosen Narzissten‘ (also jenen, der sich selbst als einzigartig und wichtig wahrnimmt) von dem ,vulnerablen“, also verletzlichen Narzissten. Letzterer weist ein geringes Selbstwertgefühl auf, neigt zu Neid, Scham, Depressivität. Eine Person kann aber auch zwischen diesen beiden Polen wechseln “, erklärt Dr. Willi Martmöller.
Ausgeprägter Narzissmus kommt bei Männern häufiger vor als bei Frauen (Metastudie Grijalva 2015). „Jeder Mensch trägt narzisstische Züge in sich. Problematisch wird es, wenn diese eine immer größere Dominanz entwickeln bis hin zur behandlungsbedürftigen Form der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Trifft man auf einen grandiosen Narzissten, so wirkt dieser auf andere im Erstkontakt selbstbewusst und erfolgreich, kurzum: er kommt gut an. Bei näherem Kontakt macht seine gesteigerte Selbstliebe, verbunden mit der Abwertung anderer Personen und dem Kreisen nur um das eigene Selbst eine partnerschaftliche Beziehung unmöglich. Narzissten sind zu emotionaler Empathie nicht fähig. Wir wissen, dass sie in dem Hirnbereich, der für das Mitgefühl verantwortlich ist, weniger zellreiche graue Hirnsubstanz haben als andere (Röpke). Sie erkennen das Leid anderer, es lässt sie aber kalt!
Narzisstische Männer findet man auf der Weltbühne beispielsweise in der Politik. In diesem Zusammenhang möchte ich auch den Begriff ‚Histrioniker‘ einführen - ein Mensch, der gern im Mittelpunkt steht und alles dramatisch ausschmückt, eben eine gute Show liefert - er ist ein Schauspieler. Der weibliche Narzissmus kennzeichnet sich durch Hunger nach Anerkennung und Bewunderung, nach Bärbel Wardetzki oft mit Unzufriedenheit des Aussehens bis hin zu einem gestörten Essverhalten gekoppelt.“
Man wird, so Martmöller, nicht als Narzisst geboren. „Liegt in der frühen Kindheit eine Störung zur Bezugsperson vor, kann sich der Narzisst herausbilden. Wenn in der Erziehung die Erwachsenen-Wünsche mit dem Überversorgen  des Kindes kombiniert werden, ist der Nährboden für den Narzissten bereitet.“ (Freud, Brummelmann). Ebenso problematisch ist es, das Kind nicht oder zu wenig zu beachten. Sein Selbstwertgefühl wird sich als instabil und extrem abhängig von anderen erweisen.
„Die Narzissmuswerte in der Jugend steigen kontinuierlich, befeuert durch Medien, in denen wir uns selbst darstellen und uns einer Technik bedienen, dem anderen mehr Schein als Sein zu vermitteln.  ‚Ein Image und ein Mensch sind zweierlei‘ (Elvis Presley).“


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