Leben im Schlaraffenland, aber: Zu viele sind dick und krank

Schon zwanzig Prozent der Kinder bei uns sind zu dick - Eltern dienen dabei oft als Vorbilder.

Deutschland ist ein Schlaraffenland - für viele zumindest. Deutschland ist Europameister - im Übergewicht! Während in den USA bereits bis zu 80 Prozent der Bevölkerung zu dick ist, kommen die Deutschen nach neuen Studien immerhin auf Werte zwischen 50 und 65 Prozent. Auf die Frage, mit was man sich am liebsten belohne, geben Frauen mit fast 52 Prozent die Antwort „Schokolade“, Männer antworten mit „Bier“.  Experten wissen heute auch: Aus dicken Kindern werden in der Regel dicke Erwachsene. Und je dicker, desto kränker werden die Menschen. Immer wieder weisen Veranstaltungen und Experten auf die Probleme hin, doch scheinen ihre Versuche angesichts der gigantischen Marketingstrategie der Werbeindustrie für Lebensmittel eher bescheiden.

„Starkes Übergewicht fördert Wohlstandskrankheiten, von Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bis hin zu Alzheimer“, erklärt Professor Juris Meier, Diabetologe der Klinik Blankenstein. Er lenkt den Blick auf den Energiebedarf und stellt fest: Wir nehmen zuviele Kalorien zu uns. „Kinder bis zu zehn Jahren benötigen im Durchschnitt maximal 2000 Kilokalorien. Sind sie älter oder erwachsen steigt der Wert bis etwa 2500 Kilokalorien - abhängig vom Geschlecht und natürlich der Bewegung im Alltag. Und die Zahl der Kalorien ist ziemlich schnell erreicht!
Adipositas-Experten wie Manfred Müller, Leiter des Instituts für Humanernährung und Lebensmittelkunde der Universität Kiel, weiß, dass Aufklärung und Erziehung allein nicht viel bringen. Das Wissen, so Müller, sei vielfach vorhanden, aber das nette Gurkengesicht auf dem Butterbrot veranlasse keine Nahrungsumstellung. Dr. Helfried Waleczek, Chirurg am Evangelischen Krankenhaus in Hattingen, bezweifelt, ob man die Entwicklung überhaupt noch stoppen kann. Immer größere Verpackungen, der Trend zum schnellen Konsum in einer mobilen Welt, der Wegfall gemeinsamer Mahlzeiten in einer Familie und falsche Vorbilder - auch im Sport - wirken zusammen. Die Experten sind sich einig: „Die meiste Lebensmittelwerbung, gerade die gezielt an Kinder gerichtete (neun von zehn), bezieht sich auf ungesunde Produkte. Das hat einen Grund: Die Umsatzrenditen auf Süßes, Softdrinks, Snacks bewegen sich bei 15 Prozent, mit frischem Obst und Gemüse kann man Gewinnmargen von vielleicht fünf Prozent erzielen. Die Unternehmen verdienen mehr mit ungesunder Ernährung und kämpfen bereits in der Schule um Marktbindung.“ Das sagt auch Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch. Er fordert eine 0-Prozent-Mehrwertsteuer auf frisches Obst und Gemüse.
Ein Schokoriegel mit Haselnüssen, Karamell, Nougat und Milchschokolade (57 Gramm) enthält 300 Kilokalorien und etwa 30 Gramm Zucker - der Zuckergehalt entspricht schon einem Großteil des Tagesbedarfs. Die joghurt-leichte Schokolade bringt es bei sieben Riegeln - und das isst man locker weg - auf über 500 Kilokalorien. Was darf bei einem gemütlichen Filmeabend mit Freunden nicht fehlen? Klar, die Chips! Einmal angefangen ist oft gleich die ganze Tüte leer – und das macht mal eben 530 Kilokalorien bei einer 100-g-Tüte – und die Chips­tüten sind ja oft noch deutlich größer! Übrigens verspeist jeder Deutsche pro Jahr im Schnitt ein Kilo Chips – da ist es auch nur ein schwacher Trost, dass Briten und Niederländer sich in diesem Zeitraum die dreifache Menge Kartoffelchips einverleiben.
Forscher diskutieren schon länger über die sogenannte „Naschformel“. Nach ihr sollen Lebensmittel, die zur Hälfte aus Kohlenhydraten und zu 35 Prozent aus Fett bestehen, süchtig machen.
Neben Schokolade besitzen auch Kartoffel-Chips diese Zusammensetzung. Dazu kommt, dass industriell hergestellte Chips oft viele Geschmacksverstärker und Aromen besitzen, die diesen Effekt verstärken sollen!
Auch Getränke sind nicht besser: Ein Glas Fruchtsaft (200 ml) hat im Schnitt 90 Kalorien, ein Becher Erdbeer- oder Bananenmilch aus der Kühltheke (500 ml) fast 400! Was kein Problem wäre, wenn so viel Energie auch mit einem Sättigungsgefühl einhergehen würde. Doch leider spielt uns da das Gehirn einen Streich. Getränke werden im Kopf nicht als Mahlzeit registriert, weil sie wenig bis keine Masse haben. Wir kennen zwar das Gefühl, nicht mehr durstig zu sein, oder auch zu viel Flüssigkeit im Magen zu haben, doch satt werden wir davon nicht. Noch verflixter ist es mit Alkohol. Wein & Co. haben nicht nur viele Kalorien, sondern regen auch die Magensäure an und erzeugen damit Hungergefühle. Das gilt besonders für Bier. Zudem fördert Alkohol die Nierentätigkeit, was im Körper zu Salzverlust führt. Die Folge: Lust auf Knabberzeug und salzige Snacks. Was wiederum durstig macht und so fort.
„Wir leben in einer Welt, die Übergewicht fördert“, sagt Diabetologe Prof. Juris Meier. Das zu ändern erfordere ein grundlegendes Umdenken. „Ernährung ist für uns optisch fast immer verfügbar. Imbiss und Schokoriegel gehören zum optischen Alltag. Wir bewegen uns weniger und bereiten oft unsere Mahlzeiten nicht mehr selbst zu. Es ist nicht einfach, tief verwurzelte Gewohnheiten zu verändern - für unsere Gesundheit und die unserer Kinder sollten wir es aber unbedingt tun.“


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