Keine Angst: Senioren verteidigen sich mit Wort und Tat

Dabei kommt es nicht auf Muskelkraft an - entscheidend sind Wissen und Ausweichtechnik.

Jürgen Siepermann (rechts im Bild) von der Stadt Hattingen demonstriert einem Teilnehmer, was er machen soll, wenn er angegriffen wird. Wichtig, so Siepermann, sei es, sich dann nicht erst fragen zu müssen: „Was habe ich nochmal gelernt? Wie war das gleich?“ Das dauert alles viel zu lange.

Alle kennen das: Das Gefühl der subjektiven Unsicherheit oder Angst. Vor allem dann, wenn es draußen dunkel oder man recht einsam unterwegs ist - gerade ältere Menschen wissen dann oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Jürgen Siepermann von der Stadt Hattingen, Fachbereich Soziales und Wohnen, ist seit langer Zeit mit Martin Schmalenberg zum Thema Selbstverteidigung für Senioren unterwegs. Die beiden demonstrieren, wie sich gerade ältere Menschen in Wort und Tat verhalten sollten.
„Am Anfang steht das Wort. Man sollte immer versuchen, sich deeskalierend zu verhalten“, erklärt Martin Schmalenberg. „Wenn mich jemand anmacht, ich solle im Bus aufstehen - dann kann ich das tun und mir einen anderen Platz suchen. Ich muss da nicht stur den Helden spielen, denn so kann ich die Situation sofort entschärfen. Oder mir sagt jemand, dass ich total besch... aussehe. Dann rege ich mich nicht auf, sondern antworte demjenigen, ich hätte das morgens beim Blick in den Spiegel auch festgestellt. Diese Antwort überrascht und nimmt dem Gegner nicht selten den Wind aus den Segeln. Wenn ich zu meiner Wohnung gehe, dann halte ich den Haustürschlüssel in der Hand und fange nicht an, in der Tasche nach ihm zu suchen, wenn ich schon still vor der Türe stehe. Wenn ich unterwegs bin, dann habe ich zwei Geldbörsen dabei - damit ich im Notfall eine abgeben kann, in der nur wenig Geldstücke sind. Wenn eine Tür hinter mir automatisch langsam ins Schloss fällt, dann warte ich und ziehe sie selbst zu - damit eben nicht unbeobachtet jemand hinter mir mit ins Haus kommen kann.“
Martin Schmalenberg kennt jede Menge solcher Tricks, die sich als höchst praktisch erwiesen haben. Hinzu kommen Reaktionen, die auch ältere Menschen mit etwas Übung umsetzen können. Hier ist dann Jürgen Siepermann gefragt. „Wenn ein Angreifer zuschlagen will, geht man zur Seite, damit der Schlag ins Leere geht. Wenn man am Arm festgehalten wird, bewegt man sich in eine andere Richtung. Man bleibt auf keinen Fall stehen, sondern bleibt um den Angreifer herum in Bewegung. Darauf konzentriert man sich, nicht auf Techniken, die man vielleicht irgendwann gelernt hat. Durch Bewegung und ständig wechselnde Richtungen kann man auch auf engem Raum viel erreichen. Und es kostet keine Körperkraft, die ältere Menschen in der Regel ja gar nicht mehr in dem Umfang haben“, sagt Jürgen Siepermann.
Diese alte Selbstverteidigungsform kommt aus dem Tai Chi und hat zum Ziel, den Gegner zu kontrollieren.
„Erstes Ziel ist immer, sich nicht anfassen zu lassen. Wenn man das nicht vermeiden konnte, muss man um den Gegner herum immer in Bewegung bleiben. Ein Gegner kann darin kein System erkennen, weil es auch keines gibt. Wir wollen abwehren und umlenken.“
Um das umsetzen zu können, braucht man allerdings etwas Übung und Wissen. Deshalb gibt es für Senioren einmal im Monat (jeweils am letzten Samstag) ab 11 Uhr in der Alten Berger Schule, Am Brunnen 27, in Oberstüter einen Kurs, um das zu erlernen. Nächster Termin ist Samstag, 27. Januar!
„Wir machen das schon seit vielen Jahren, sind bestimmt schon neun Jahre“, so die Kursleiter. „Wir versuchen den Teilnehmern zu vermitteln, dass sie zum einen Gewohnheiten ändern müssen, weil manches vielleicht nicht so gut ist, und zum anderen müssen sie einige Bewegungen und Abläufe lernen, die regelmäßig geübt werden wollen. Wir können uns diese Inhalte auch zentraler in Hattingen vorstellen, vielleicht sogar zweimal im Monat.“
Während Martin Schmalenberg eher von Techniken wie Krav Maga und Kung Fu kommt, hat Jürgen Siepermann eine Neigung zu Tai Chi und Kendo. anja

● Kontakt: Jürgen Siepermann, Stadt Hattingen, Seniorenbüro, Telefon 02324/204-5511; E-Mail j.siepermann@hattingen.de; Martin Schmalenberg, E-Mail mskampfkunst@live.de.

 


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