Ehrentitel „Volkskrankheit“: Das Kreuz mit dem Kreuz

Dr. Mathias Otte, Facharzt für Orthopädie, erklärt, woran es liegt und was man machen kann.

Dr. Mathias Otte, Facharzt für Othopädie und Unfallchirurgie, Chirotherapie und Akupunktur sowie Notfallmediziner gibt Tipps für einen gesunden Stütz- und Bewegungsapparat

Wenn es im Rücken zieht, dann ist der Orthopäde der Fachmann für das Kreuz mit dem Kreuz. Rückenschmerzen entstehen vor allem durch strapazierte Muskeln und Bänder oder Verschleiß der Wirbelsäule und Bandscheiben. Die gute Nachricht: Viele Rückenschmerzen sind nicht besorgniserregend, haben einen vorübergehenden Charakter und der Patient selbst kann eine Menge tun. IMAGE sprach mit dem Sprockhöveler Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Dr. Mathias Otte, der mit Michael Neuhaus an der Hombergstraße praktiziert.

IMAGE: Was ist eine häufige Ursache für Rückenschmerzen?
OTTE: Die muskuläre Überbelastung oder eine Fehlhaltung, ausgelöst durch einseitige Tätigkeiten im Beruf oder das Freizeitverhalten, können zu Rückenschmerzen führen. Wer beispielsweise in seinem Beruf viel sitzt und etwa als Kassiererin an der Kasse immer in gleicher, einseitiger Haltung Waren einscannt, kann entsprechende Probleme bekommen. Dann können sich Fehlfunktionen entwickeln. Ähnlich ist es beim Freizeitverhalten. Wird der Kopf ständig nach vorn gebeugt, um beispielsweise mit dem Mobiltelefon oder dem Tablet zu arbeiten, kann es zu einer Vervielfachung des Kopfgewichtes und entsprechenden Beschwerden im Nacken- und Rückenbereich kommen.

IMAGE: Und wie kann man das in den Griff bekommen?
OTTE: Wichtig ist im Allgemeinen die Vielseitigkeit in der Bewegung. Bei dem genannten Beispiel der Kassiererin könnte man schauen, ob die Kassenplätze regelmäßig getauscht werden können, damit die einseitige Belastung zumindest in den Rechts-Links-Seiten veränderbar ist. Beim Freizeitverhalten muss man neben den elektronischen Freizeitvergnügen einfach den Bewegungssport nicht zu kurz kommen lassen. Im Prinzip geht es um das, was wir orthopädische Alltagshygiene nennen. Dazu gehören beispielsweise das günstige Verhalten im Sitzen, die Vielseitigkeit der Bewegung, das richtige Anheben von Gegenständen und übrigens auch das richtige Schuhwerk.

IMAGE: Soll man nicht sowieso besser barfuß laufen?
OTTE: Wer einen gesunden Fuss hat, kann problemlos barfuß gehen, um die Fussmuskeln und die anatomische Abroll-, Stütz- und Federungsfunktionen des Fusses zu trainieren und zu erhalten.
Bei bekannten Fehlstellungen wie Knick-, Senk- oder Spreißfüßen sollte man sich jedoch beraten lassen, ob Barfußlaufen nicht eher zu Fußproblemen führen kann. Dann wäre die Notwendigkeit einer orthopädischen Einlagen- oder Schuhversorgung zu überprüfen. In der täglichen Praxis sehe ich leider auch minderwertiges oder gar abgelaufenes Schuhwerk. Vor allem bei Kindern sollten Eltern Wert auf gutes Schuhwerk für den Alltag und den Sport legen.

IMAGE: Zurück zum Rücken. Was ist denn mit Rückenschmerzen, die nicht wieder weggehen?
OTTE: Vorweggenommen: es handelt sich dann nicht immer gleich um einen Bandscheibenvorfall, und auch nicht jeder Bandscheibenvorfall muss Schmerzen verursachen. Sehr oft kann man durch spezielle Untersuchungsmethoden, aber auch durch bildgebende diagnostische Verfahren die schmerzauslösenden Strukturen aufdecken. Verschleiß zwischen den Wirbelkörpern oder den kleinen Wirbelgelenken, vorausgegangene Wachstumsstörungen, eine Enge im Wirbelkanal, Bandscheibenschäden, Osteoporose oder auch mal Krankheits-Raritäten können weitere Gründe sein.
Die Wirbelsäule verliert altersbedingt an Stabilität. Manchmal berichten Patienten auch, dass sie kleiner geworden sind. Wenn die muskuläre Vorspannung durch die alternde Wirbelsäule abnimmt, und sich Muskulatur an Masse und Wertigkeit verringert, entsteht eine relative Instabilität. Die Wirbelsäule wird dann insgesamt mehr belastet. Dies ist eine der häufigsten Schmerzursachen. Es ist daher wichtig, seine Muskulatur zu stärken. Angeleitetes Rückentraining oder eigenständig durchgeführte Übungen sind wichtige Eckpfeiler der Therapie. Sind die körpereigenen Kompensationsmöglichkeiten erschöpft, können Stützbandagen gegen Schmerzen helfen.
Krebspatienten rate ich bei neu aufgetretenen Rückenschmerzen zu einer raschen ärztlichen Abklärung.

IMAGE: Was kann man denn tun, um seinen Bewegungsapparat möglichst fit zu halten?
OTTE: Das ist bereits im Begriff enthalten - sich bewegen und das möglichst vielseitig. Sensibel im Alltag mit sich umgehen - es gibt auch ein Kursangebot für richtige Bewegung, beispielsweise von meinem Kollegen Michael Neuhaus. Auf das Rauchen sollte man unbedingt verzichten.
Auch die Ernährung spielt eine große Rolle. Man sagt nicht umsonst „Ein Gelenk isst mit“. Übergewicht ist der Feind des orthopädischen Patienten, denn je mehr Gewicht ich mit mir herumtrage, desto größer werden die Probleme für den Bewegungsapparat. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, erhöht sein Risiko deutlich, bereits im mittleren Alter an Arthrose zu erkranken.
Man sollte sich bewusst machen: Übergewicht kann nicht nur dem Herz-Kreislauf-System schaden, sondern auch den Gelenken.


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