Der „Packesel der Henrichshütte“ und die Seilbahn-Idee

„Hattingen historisch“: Diesmal geht es in unserer Serie um die Seilbahn von „Friedchen“.

Die Seilbahn „Friedlicher Nachbar“ aus dem Zechengebiet in Bochum-Linden führte zur Henrichshütte. Die Drahtseilbahn wurde 1922 in Betrieb genommen und führte durch das Rauendahl über die Ruhr zur Henrichshütte. 1961 wurde die Zeche geschlossen und die Seilbahn überflüssig. Das Bild stammt aus dem Jahr 1959.

Mit der Serie „Hattingen historisch“ wirft IMAGE mit Hilfe von Stadtarchivar Thomas Weiß einen Blick in alte Zeiten. In diesem Beitrag geht es um die Zeche „Friedlicher Nachbar“, von der aus eine Drahtseilbahn zur Henrichshütte führte.

Die Zeche „Friedlicher Nachbar“ (im Volksmund „Friedchen“ genannt) lag an der Hattinger Stadtgrenze zu Bochum-Linden. Doch die riesige Kohlenzeche hatte ein Problem: ihr fehlte das sogenannte Bergversatzmaterial, also die Verfüllung der Hohlräume nach dem Abbau der Kohle. So kam man auf den Gedanken, die Henrichshütte in ein ganz besonderes Vorhaben einzubinden: 1922 wurde von der Zeche eine Drahtseilbahn gebaut, die über den Hattinger Stadtteil Rauendahl und die Ruhr bis zur Hütte führte. Auf der fast drei Kilometer langen Strecke transportierte man die Hochofenschlacke und den Bauschutt von der Hütte zur Zeche, um dort damit die Hohlräume verfüllen zu können. Immer wieder tauchen Meldungen auf, dass die Henrichshütte die Kohlen der Zeche genutzt habe, das aber ist nicht richtig.
„Wie man bei Walter Gantenberg nachlesen kann, förderte die Zeche Friedlicher Nachbar in den zwanziger Jahren keine Kokskohle mehr und die Henrichshütte konnte die Kohle nicht nutzen“, berichtet Stadtarchivar Thomas Weiß.
Der Antriebsmotor der Seilbahn hatte eine Leistung von dreißig PS und stand auf dem Hüttengelände. Die Kosten der Seilbahnunterhaltung und ihres Betriebes wurden je zur Hälfte von der Henrichshütte und der Zeche Friedlicher Nachbar getragen.
Teilweise bekam die Zeche bis zu 72 Prozent des benötigten Füllmaterials von der Henrichshütte geliefert - konnte das Material nicht kurzfristig genutzt, so wurde es in Zechennähe zwischengelagert. Im März 1961 wurde die Zeche geschlossen und damit die Seilbahn überflüssig. Sie wurde stillgelegt und abgebrochen.
Anwohner aus dem Ruhrtal berichteten (nach Gantenberg, Auf alten Kohlenwegen Band 1) dass die Seilbahn 1923 während der Besatzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen gekappt wurde. Man hatte festgestellt, dass die Ruhrbewohner, die Arbeiter der Henrichshütte und die Bergleute die Gondeln als Schmuggelstrecke benutzten. 75 Wagen (Loren) wurden an der Seilbahn gezogen - das berichtet die Westfälische Rundschau vom 26. Juni 1951 über die Luftbahn als Packesel der Henrichshütte.
Waren die Loren voll beladen, so entsprach dies einer Leistung von fünf vollbeladenen Eisenbahnwaggons.
Personen durften aber eigentlich gar nicht mit den Loren fahren. Vor allem für Kinder war dies aber eine stetige Versuchung, auf diese Art und Weise über die Ruhr zu schweben. Einmal, so berichtete die Zeitung, hatte ein Bergmann gewettet, sich so über die Ruhr transportieren zu lassen und tat dies auch - der Wetteinsatz ist aber nicht bekannt.
In 35 Jahren transportierte die Seilbahn rund sieben Millionen Tonnen Schutt. Unter den Loren gab es eine Netzkonstruktion, die das Herausfallen von Material verhinderte.
Eine weitere Seilbahn gab es übrigens am Gemeinschaftswerk. Die Sprockhöveler Zeche Alte Haase belieferte nämlich das Gemeinschaftswerk mit Kohle. Und damit man diese möglichst elegant anliefern konnte, wurde 1928 eine Seilbahn gebaut, übrigens gegen den erheblichen Widerstand der Bevölkerung. Die Bahnlänge betrug sieben Kilometer und war bis 1964 in Betrieb. Danach wurde sie abgerissen, die Zeche selbst wurde 1969 stillgelegt.
Doch das Kapitel Seilbahn und Hattingen ist so faszinierend, dass es immer wieder neu aufgeschlagen wird. So berichtet am 24. November 1973 die Tageszeitung über die Idee der Freizeit GmbH, von Stiepel aus eine Seilbahn zur Burg Blankenstein zu errichten.
Am 20. Juli 1996 präsentierte der spätere Hattinger Bürgermeisterkandidat Thomas Röthig seine Seilbahn-Idee zwischen der Ruhr und der Isenburg. Er fand prominente Unterstützung: der damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement sollte das Projekt nach Ansicht von Landesvater Johannes Rau prüfen, DFB-Trainer Erich Rütemöller, Röthigs Freund, fand die Idee genauso prima wie die Interessengemeinschaft Altstadt-Gastronomie und der Sponsor Fiege-Brauerei.
Die Stadtverwaltung hingegen fand den Vorschlag inakzeptabel und lehnte ab. Rötig damals: „Man wollte kein Disneyland.“
Wer weiß, ob das Hattinger Seilbahn-Kapitel wirklich schon vollständig (ab)geschrieben ist...

 


Bilder