Bundesweit einmalig in Witten: Die „Uro-Geriatrie“

Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologie EvK Witten, hat jetzt Professur.

Professor Dr. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Klinik für Urologie am Evangelischen Krankenhaus Witten, besetzt die erste Professur „Uro-Geriatrie“ an der Universität Witten/Herdecke.

Die Universität Witten/Herdecke hat Professor Dr. Andreas Wiedemann (58) auf die Professur für Urogeriatrie berufen. Damit realisiert sich eine bundesweit einmalige Konstellation. IMAGE hat mit dem Chefarzt der Klinik für Urologie am Evangelischen Krankenhaus Witten gesprochen.

IMAGE: Was genau ist Urogeriatrie und wie kann man den betroffenen  Patienten helfen?
WIEDEMANN: Die Urologie beschäftigt sich mit den harnbildenden und harnableitenden Organen bei Männern und Frauen. Dies sind Nieren, Harnblase, Harnleiter und Harnröhre. Und wir behandeln bei Krankheiten die Geschlechtsorgane des Mannes. Hier wären vor allem Hoden und Prostata zu nennen. Die Geriatrie behandelt Erkrankungen von Menschen, die mehrheitlich um oder über 75 Jahre alt sind. Beide Medizinsparten haben gemeinsam, dass ihre Patienten oft gebrechlich und mehrfach erkrankt sind. Wir können also viel voneinander lernen.

IMAGE: Können Sie ein Beispiel geben?
WIEDEMANN: Ich habe Medikamente gegen Harninkontinenz auf Nebenwirkungen untersucht. Das Ergebnis waren Konzentrationsstörungen, Gedächtnislücken, Schlafprobleme und erhöhte Sturzgefahr. Viele der Patienten nehmen mehrere Medikamente und man muss bei den Wechselwirkungen schon sehr genau hinsehen. Wir haben 936 ambulante urologische Patienten untersucht, die mehrere Medikamente zu sich nehmen. Medikamente mit sog. „anticholinerger Wirkung“, wie sie in der Neurologie, der Psychiatrie und Inneren Medizin häufig verwendet werden, können die beschriebenen Nebenwirkungen auslösen. Wir konnten nachweisen, dass rund zwölf Prozent der Patienten aus urologischen Praxen ein relevantes Risiko für solche Nebenwirkungen bei zusätzlicher Gabe eines weiteren Präparates aus urologischer Indikation haben. Für diese Forschung gab es auch den Preis der Deutschen Kontinenzgesellschaft.
Zusammenhänge zwischen Blut im Urin und der Einnahme blutverdünnender Medikamente sind ebenfalls ein Teil der aktuellen Forschung. Ich selbst betrachte mich da als Grenzgänger zwischen Urologie und Geriatrie. Und die Verbindung zu Forschung und Lehre an der Universität ist für mich wichtig im Hinblick auf die Nachwuchsförderung. Die ist übrigens zu einem großen Teil weiblich - denn auch in der „Männerwelt“ der Urologie setzen sich zunehmend Frauen durch.

IMAGE: Ihre Ausführungen machen die Wichtigkeit interdisziplinärer Ansätze deutlich. Wichtig wäre aber auch die Verbindung zwischen ambulanten und stationären Strukturen?
WIEDEMANN: Unbedingt. In der Geriatrie sind Fragebögen üblich, die den Ärzten Auskunft über die geistigen und körperlichen Fähigkeiten der Patienten geben. Daraus ergibt sich für die stationäre Aufnahme ein Behandlungplan, der in der ambulanten Versorgung, etwa durch den Hausarzt, aber auch in Altenhilfeeinrichtungen, berücksichtigt werden sollte. In abgewandelter Form führen wir das in der Urologie auch ein und sind damit eine der ersten Einrichtungen Deutschlands.

IMAGE: Beim Blick auf die Medien fällt vor allem die Werbung zum Thema Inkontinenz auf. Meistens geht es aber hier lediglich um Hilfsmittel wie spezielle Einlageprodukte oder ähnliches. Man hat aber auch den Eindruck gewonnen, das Thema ist noch immer ein Tabu in der Gesellschaft?
WIEDEMANN: Absolut. Und das, obwohl in Deutschland fünf Millionen Menschen betroffen sind. Besonders Frauen leiden unter unwillkürlichem Harnverlust: Jede dritte über 50 Jahre kennt das Problem. Den Gang zum Arzt scheuen trotzdem viele. Dabei gibt es eine Reihe wirksamer Therapien, angefangen vom Beckenbodentraining bis zur Operation. Die Arbeitsgruppe Inkontinenz widmet sich der Thematik seit dem Jahr 2000. Ursprünglich initiiert von Prof. Dr. Ingo Füsgen, war die AG von Anfang an interdisziplinär mit Geriatern und Urologen besetzt.

IMAGE: Chefarzt der Klinik für Urologie, Ihre Arbeit in Forschung und Lehre – wenn es die Zeit erlaubt, gibt es dann auch noch ein Hobby?
WIEDEMANN: Ja, das gibt es. Ich spiele klassische Trompete und das auch in einem Blechbläserquartett. Außerdem habe ich auch eine Sammelleidenschaft für diese Instrumente entwickelt und hege und pflege sie ausgesprochen gern.

 

Vita Andreas Wiedemann
Andreas Wiedemann studierte in Essen Medizin. Nach der Promotion erhielt er 2013 seine Habilitation mit dem Thema „Harntraktbeschwerden beim älteren Diabetiker unter besonderer Berücksichtigung seiner Multimorbidität und Multimedikation“ an der Universität Witten/Herdecke am Lehrstuhl für Geriatrie.

„Wir konnten erstmals flächendeckend beweisen, dass Diabetiker doppelt so oft über eine überaktive Blase klagen wie gleichaltrige gesunde Menschen“, erläutert Dr. Wiedemann. „Außerdem konnten wir in einem Punkt die Lehrmeinung widerlegen: Bisher ging man davon aus, dass Diabetes eine schlaffe Blase verursacht. Wir haben gezeigt, dass meist eine überaktive Blase vorliegt.“ Für seine Studie zu diesem Thema hat Dr. Wiedemann 2008 bereits den Paul-Mellin-Gedächtnispreis der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Urologie erhalten.

Wiedemann arbeitete in Gelsenkirchen und Witten als Urologe. Seit 2006 ist er Chefarzt der Klinik für Urologie am EvK Witten. Zusatzqualifikationen in Spezieller Urologischer Chirurgie, Andrologie und Medikamentöse Tumortherapie.


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