Boris Suchan: Hattinger RUB-Professor erklärt das Gehirn

Leiter der Neuropsychologischen Ambulanz probiert, Kompliziertes verständlich zu erklären.

Der Hattinger Prof. Dr. Boris Suchan ist approbierter Psychologischer Psychotherapeut mit dem Fachkundenachweis in Verhaltenstherapie sowie Leiter der Arbeitsgruppe „Klinische Neuropsychologie“ an der Fakultät für Psychologie, Institut für Kognitive Neurowissenschaft, Ruhr-Universität Bochum.

Der Hattinger Professor Dr. Boris Suchan ist Neuropsychologe an der Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum. Am „Neuropsychologischen Therapie Centrum“ (NTC) wird die ambulante neuropsychologische Versorgung im Rahmen von Forschung und Lehre verbessert. Eines der Projekte am NTC sind allgemeinverständliche Publikationen (auch im Netz) für Kinder und Erwachsene, wie das Gehirn funktioniert und welche Folgen seine Schädigung haben kann. Zu diesem Thema ist der Professor auch mit Vorträgen unterwegs – zum Beispiel in Hattingen.

„Das Gehirn wiegt nur 1300 Gramm, das sind fünf Prozent der gesamten Körpermasse, aber es hat einen Anteil von ungefähr 15 Prozent am Energieverbrauch des Körpers. Es ist an allen Vorgängen in unserem Körper mehr oder weniger beteiligt. Verletzungen des Gehirns haben also in der Regel große Auswirkungen auf die Körperfunktionen, allerdings haben nicht alle Schädigungen die gleiche Wirkung auf den Körper oder die geistigen Fähigkeiten des Menschen. Bestimmte Hirngebiete arbeiten zusammen und haben spezielle „Aufgabenschwerpunkte“ wie zum Beispiel Bewegung, Gefühle, Sprache, Gedächtnis und Aufmerksamkeit“, erklärt Boris Suchan.
Dabei ist die linke Hirnhälfte für die Steuerung der rechten Körperhälfte zuständig und umgekehrt. Begegnet man einem Menschen, der einen Schlaganfall erlitten hat und unter körperlichen Beeinträchtigungen der rechten Seite leidet, weiß man, dass der Schlaganfall in der linken Hirnhälfte stattgefunden hat. Der Schlaganfall ist in den westlichen Industrienationen die dritthäufigste Todesursache. Wussten Sie, wieviele Prominente einen Schlaganfall erlitten haben? Auf der Seite www.ratgeber-neuropsychologie.de sind sie aufgelistet: Amy Macdonald, Kirk Douglas, Gaby Köster, Tina Turner, Wolfgang Niedecken, Michelle, Sharon Stone, Jean-Paul Belmondo, Matthias Platzeck, Monserrat Caballé.
Der Professor weiß eine Menge Geschichten über ungewöhnliche Phänome und Menschen in der Hirnforschung.
Zum Beispiel Henry Gustav Molaison. Er war ein Mann mit einer besonderen Hirnschädigung, die seit den fünfziger Jahren bis zu seinem Tod 2008 intensiv erforscht wurde. Henry Molaison hatte als junger Mann unkontrollierbar heftige epileptische Anfälle, die oft – obwohl nicht belegbar – auf einen Fahrradunfall im Alter von neun Jahren zurückgeführt wurden. 1953 wurden in einer Operation große Teile seines Hippocampus (Teil des Gehirns, der maßgeblich für die Verarbeitung von Sinneseindrücken zur dauerhaften Speicherung zuständig ist) entfernt. Das Ziel, die epileptischen Anfälle in den Griff zu bekommen, wurde erreicht. Allerdings war er nach dem Eingriff nicht mehr in der Lage, neue Ereignisse in seinem Langzeitgedächtnis zu speichern. Nach seinem Tod spendete Molaison der Wissenschaft sein Gehirn, von dem 2009 an der UC San Diego Tausende von Dünnschnitten angefertigt wurden, um sie zu untersuchen und zu konservieren.
Ein anderes Beispiel ist Clive Wearing. Der 1938 geborene britische Wissenschaftler, Keyboarder und Dirigent erkrankte 1985 durch Herpes-Viren an einer Entzündung des Gehirns. Infolge dieser Erkrankung erlitt Wearing eine totale Amnesie (Gedächtnisverlust). Da der Teil des Gehirns geschädigt wurde, der zur Übertragung von Erinnerungen vom Kurz- in das Langzeitgedächtnis verantwortlich ist, ist er nicht in der Lage, neue Erinnerungen dauerhaft zu speichern. Sobald seine kurze Gedächtnisspanne nach einigen Minuten abgelaufen ist, beginnt seine Wahrnehmung von Neuem. Er erinnert sich nicht mehr, was wenige Minuten zuvor geschehen ist.
Er hat darüber hinaus nur wenige bewusste Erinnerungen aus der Zeit vor seiner Erkrankung. So weiß er, dass er Kinder aus früherer Ehe hat, kann sich aber an deren Namen nicht erinnern. Die Liebe zu seiner zweiten Frau Deborah, die er 1984 geheiratet hatte, ist ungebrochen. Er begrüßt sie überschwänglich, jedes Mal, wenn sie sich treffen − glaubend, dass er sie über Jahre nicht gesehen habe, auch wenn sie nur kurz den Raum verlassen hat, um ein Glas Wasser zu holen.
Obwohl Wearing nur über eine sehr kurze, bewusste Gedächtnisspanne verfügt, sind seine Fähigkeiten nicht beeinträchtigt. Er kann Klavier spielen oder einen Chor dirigieren, obwohl er keine bewusste Erinnerung an seine musische Ausbildung hat. Boris Suchan könnte stundenlang erzählen und man könnte stundenlang zuhören. Viele interessante Details − für Erwachsene und für Kinder formuliert - findet man unter www.ratgeber-neuropsychologie oder www.dein-gehirn.com. Sein Tipp für den Alltag: „Übung macht den Meister!“ Das gilt in jedem Fall auch für unser Gehirn!


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