Anorexie (Magersucht): Den Hunger besiegen

Image-Serie: Wie tickt der Mensch?

Nichts ist so spannend und bewegt den Menschen so sehr wie sein eigenes Verhalten und das seiner Mitmenschen. IMAGE greift mit Dr. med. Willi Martmöller, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie (Tiefenpsychologie) in der Serie „Wie tickt der Mensch“ spannende Fragen auf und stellt Antworten aus der Psychologie vor.
Die Anorexia nervosa (Magersucht) wurde 1869 zum ersten Mal in einer Fachzeitschrift beschrieben.  „Der Schweizer Arzt und Psychiater Jürg Liechti erläutert in seinem Buch ‚Magersucht in Therapie‘, dass sich das Gewichtsideal in den westlichen Industrienationen in den letzten 100 Jahren deutlich zu einem dünneren, schwerer zu erreichenden Ideal entwickelt hat. Das hat Konsequenzen: Eine Studie des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2006 ergab, dass in Deutschland rund 20 Prozent der Mädchen und Jungen bereits im Alter von elf Jahren eine auffällige Einstellung zum Essen haben. Obwohl nur fünf bis zehn Prozent der Frauen über die konstitutionellen Voraussetzungen zur erklärten ‚Model-Idealfigur’ verfügen, stellt der dünngliedrige, fett- und faltenfreie Körper das Leitmotiv heutiger - vor allem junger - Mädchen und Frauen dar. Eine kurvige Marilyn Monroe beispielsweise wäre heute kein Schönheitsideal mehr. So kommt es, dass erste erfolgreiche Nahrungseinschränkung und die positive Reaktion von wichtigen Bezugspersonen die scheinbare Richtigkeit des eingeschlagenen Weges bestätigen. Wenn dieser Weg der alleinige oder der am besten ausgebaute Weg wird, ist so der Weg in die Magersucht (15 Prozent unter Idealgewicht) oder eine andere Essstörung oft eine logische Folge“, erklärt Dr. Willi Martmöller. Ursachen einer Anorexie, so der Arzt, können in soziokulturellen Faktoren (zum Beispiel gestörte Familienverhältnisse) liegen. Genetische Faktoren sind bei Magersucht und Bulimie belegt. „Die Patienten sind oft stolz auf ihr konsequentes Fasten. Magersüchtige kommen selten von sich aus, häufig nur auf Druck anderer in die Arztpraxis, weil sie zu Beginn der Erkrankung wenig Krankheitseinsicht und Leidensdruck haben. Die Magersucht führt zu einer verzerrten Körperwahrnehmung. Es ist oft erschütternd, wie vehement stark untergewichtige Magersüchtige noch über ihr zu dickes Äußere klagen“, so Martmöller. Hohe Abbruch- und Rückfallquoten in der oft schwierigen Behandlung - sowohl ambulant als auch stationär - sind die Regel. Menschen mit Anorexie besiegen eine biologische Funktion: den Hunger. „Appetit ist vorhanden, wird aber mit Selbstbeherrschung und Kontrolle verleugnet. Ich muss nichts essen - Anorektiker sehen darin ein Streben nach Unabhängigkeit! Die Konsequenz sind vielfältige körperliche und psychische Folgen, die auch zum Tod führen können.“

Magersucht in der Neurowissenschaft
In einer Studie konnte der Hattinger Professor Boris Suchan 2010 gemeinsam mit dem Arzt Dietrich Grönemeyer von der Universität Witten/Herdecke und der Psychologin Silja Vocks von der Uni Osnabrück nachweisen, dass bei vielen Magersüchtigen bestimmte Hirnregionen weniger graue Zellen aufweisen – und zwar vor allem Regionen, die für die Körperwahrnehmung zuständig sind. Für eine Nachfolgestudie 2013 untersuchten sie magersüchtige und gesunde Frauen im Kernspintomografen und stellten fest: Bei den magersüchtigen Frauen flossen sehr viel schwächere elektrische Signale zwischen zwei Teilen der Sehrinde, auch visueller Kortex genannt. „Wir denken, dass die Körperfehleinschätzung bei der Magersucht in dieselbe Richtung wie die Gesichtsblindheit geht, bei der die Betroffenen nicht in der Lage sind, Gesichter zu unterscheiden“, sagt der Neurologe.


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