Als gefallene Söhne noch ehrenvolle Denkmäler bekamen

Historische Serie: Die Denkmäler auf dem Hattinger Kirchplatz – Hattingia mit neuer Brust.

Die „Hattingia“ nach der Schönheits-Operation heute. Sie ist immer noch ein Hingucker auf dem Kirchplatz, auch wenn viele ihre Bedeutung vermutlich nicht kennen.

In unserer historischen Serie, die IMAGE zusammen mit dem Hattinger Stadtarchivar Thomas Weiß zu Papier bringt, geht es heute um die Denkmäler auf dem Hattinger Kirchplatz. Die „Hattingia“ steht dort noch heute, das Denkmal für die Gefallenen von Königgrätz wurde 1969 abgebaut.
Kann man mit der „Hattingia“ durchaus noch etwas anfangen, hakt es bei dem Thema „Königgrätz“ nicht nur bei jungen Bürgern. Was war das noch einmal? Am 3. Juli 1869, also ziemlich lange her, wurde auf dem Kirchplatz ein Denkmal für „zwölf aus der Stadt und dem Amte Gebliebenen eingeweiht.“ Sie waren in der Schlacht von Königgrätz umgekommen. Dort trafen im Deutschen Krieg die Truppen Preußens beim tschechischen Dorf Sadowa am 3. Juli 1866 auf die Armeen Österreichs und Sachsens. In einem Gelände von etwa zehn Kilometern Breite und fünf Kilometern Tiefe bekämpften sich über 400.000 Soldaten in einer verlustreichen Schlacht. Durch den Sieg in dieser kriegsentscheidenden Schlacht wurde Preußen Führungsmacht in Deutschland.
Am 17. September 1868 gab es in den „Märkischen Blättern“ einen Spendenaufruf für ein solches Denkmal. Das „Comité zur Errichtung eines Denkmals“ hatte dazu aufgerufen und es entstand ein Denkmal aus Ruhrsandstein und Eisen. Es war ein gusseisernes, gothisches Türmchen auf einem massiven Sockel. Die Namen der Gefallenen standen auf einer Tafel.
Als das Denkmal eingeweiht wurde, war das eine große Sache für die Stadt. „Eine allseitige Beteiligung zeichnete den Tag aus; die Stadt prangte im Schmuck der Kränze und Fahnen; Glockengeläute erklang in der Frühe des Morgens von allen Thürmen und eröffnete um 12 Uhr die Feier und geleitete den Festzug zum Kirchplatz. Mit dem Spiel des Chorals ‚Jesus meine Zuversicht‘ und dem Gesang des Liedes ‚Wenn ich einmal muss scheiden‘ seitens eines Gesangvereins begann die Feier, worauf Pfarrer Fernickel das Denkmal als einen Denkstein an die großen weltgeschichtlichen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, als einen Grabstein für unsre im Kampf gebliebenen Söhne in Stadt und Amt und als einen Grundstein einer herrlichen segensreichen Zukunft für unser Vaterland weihte.“ (Ruhr-Anzeiger, 15. Februar 1969)
100 Jahre später war das Denkmal auf dem vorderen Kirchplatz baufällig. Die eisernen Namenstafeln waren vom Rost zerfressen und drohten abzufallen. Um weitere Schäden, auch Personenschäden, zu verhindern wurden sie abgenommen und das Denkmal entfernt.
1871 gab es erneut einen Spendenaufruf in den „Märkischen Blättern“. Ein Lotterie-Spendenkonto zur Finanzierung des Denkmals wurde eingerichtet. 1874 wurde unter dem Namen „Hattingia“ das Denkmal aufgestellt. Nachempfunden wurde das Denkmal der Germania, einem altgriechischen weiblichen Schönheitsideal. Die Krone der „Hattingia“ stellt die Stadtmauer mit fünf Stadttoren dar. In den Händen einen Märtyrerkranz, das Stadtwappen und ein Reiter, der mit einem Drachen kämpft (St. Georg) vervollständigen das Denkmal aus Ruhrsandstein und Marmor. Auf dem Sockel die Inschrift: „Ihren für Deutschlands Einheit im glorreichen Kriege 1870/71 gefallenen Söhnen zum ehrenvollen Andenken - die dankbaren Bürger von Stadt und Amt Hattingen“ - und natürlich die 48 Namen der Gefallenen. Vier Meter hoch ist das Denkmal, welches 2004 eine umfangreiche Verschönerung über sich ergehen lassen musste.
Befreit wurde es vom biologischen Wuchs und Schmutz. Was aber damals für Zeitungsstoff sorgte, war die neue Brust der Hattingia. Mit Hilfe der Kulturstiftug der Sparkasse war das Geld zusammengekommen, um die Restaurierung durchzuführen. Immerhin kostete die Schönheits-OP 6000 Euro.
Die rechte Brust bestand nämlich aus einer simplen Steinmasse, die zu der Figur aus Carrara-Marmor weder materialmäßig noch von der Form passte. Ein Steinmetz machte sich ans Werk und verpasste der Dame eine neue Brust.
Derart aufgehübscht schaffte es die Dame im stolzen Alter von 128 Jahren dann auch endlich auf die Hattinger Denkmalliste.
Viele Hattinger und Besucher marschieren heute noch an dem Denkmal vorbei - doch die genauen Hintergründe dürften den meisten unbekannt sein.


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